Häkeln. Was sonst ließe sich nur schlecht beschleunigen? Windpocken hinter sich bringen. Baumkuchen backen. Geduld haben. Aber Schlafen? Das Entwickeln von Sturheit? Kant lesen? Vertrauen zurückgewinnen? All das wird sich bestimmt, mit etwas Geduld, irgendwie abkürzen lassen. Wie sich ja auch die Liebe abkürzen lässt, darin ähnlich dem Kochen oder der Kreativität, dem Schreiben: Jawohl, denn jetzt ist bereits im Verlag Landpresse, herausgegeben von der Stiftung Lesen, "das schnellste Buch der Welt" erschienen, ein Buch, von dem noch kein Wort erdacht und keines zu Papier gebracht war, während dieser Text hier gehäkelt wurde, und das doch kurz vor ihm erscheint! Womit erstmals ein Buch eine Zeitung überholt.

Das schnellste Buch der Welt, geschrieben an Shakespeares Geburtstag und dem von Cervantes, dem 23. April also, der Jahr für Jahr, auf Initiative der Unesco, als Welttag des Buchs gilt (an dem jetzt in Stuttgart etwa Verlage und Meisterköche gemeinsam zum Mahl baten, "Cook meets book", wie es heißt, oder "Lesen am Tresen", das geht in Literaturhäusern auch und "währt nicht länger als zehn Minuten"). Na, das schnellste Buch jedenfalls macht man so: Um 7.45 Uhr bekommen 40 prominente Autoren wie F. W. Bernstein oder John von Düffel ein Thema, dann schreiben sie los, zwei Stunden lang, das Ganze ab ins Lektorat, in den Druck, bis 19 Uhr, dann "mit freundlicher Unterstützung der Deutschen Bahn AG" Auslieferung in zehn Städten, dort augenblicks Lesung, etwa in Stuttgart, siehe oben. Mitsubishi macht auch mit. So wird also "das Medium Buch mit ungewöhnlichen Mitteln ins öffentliche Bewusstsein gerückt", wie Heinrich Kreibich, Geschäftsführer der Stiftung Lesen, sagte. Bevor die Nationalbibliothek in Bagdad abbrannte.

Man könnte natürlich auch einfach sagen, dass Lesen etwas ist, wozu man keinen ausgewachsenen Menschen zwingen muss, der keine Lust dazu hat. Lesen am Tresen: Das muss man nicht. Aber knapp eine Milliarde Menschen weltweit (immerhin: Welt tag des Buchs) können weder lesen noch schreiben, darunter Abermillionen an Kindern, die nie eine Schule betreten – wie viele Leser das wären! Wenn die Unesco nur etwas mehr Mittel für die Grundbildung zur Verfügung hätte, von den Spielräumen der Entwicklungsländer zu schweigen. Also geht der Erlös des "schnellsten Buchs" an eine Mädchenschule in Afghanistan, die Schulbücher braucht.

Nicht auffällig schnell, dafür aber im richtigen Augenblick erscheint jetzt übrigens ein Buch über das Lesen, das aus Gesprächen mit Jean Bollack, dem bedeutenden elsässisch-jüdischen Literaturtheoretiker und kritischen Philologen (Sinn wider Sinn. Wie liest man?; Wallstein, 2003; 28,– Euro), besteht: wie der Leser Buchstaben in Kultur zurückverwandelt. Wie das Lesen naiv geschieht und doch eine Arbeit gegen Widerstände ist, indem ein Leser sucht, suchen will, wie das Rätsel des Textes gemacht wurde und worauf es Bezug nimmt. Die Freiheit, sich beim Lesen für ein fremdes Gegenüber aus Buchstaben zu öffnen, um es zu deuten, lässt sich nicht beschleunigen. Bücher retten kann sie doch.