Wer in der Medizin sparen muss, sollte auf wissenschaftlich fundierte, kostengünstige Prävention setzen und sich von traditioneller Quacksalberei verabschieden. Das Gegenteil geschieht derzeit. Anfang Juli soll die neue Positivliste in Kraft treten, "um dauerhaft Qualität und Wirtschaftlichkeit der Arzneimittelversorgung zu verbessern", wie Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt behauptet. Doch der Katalog verhöhnt die Wissenschaft. Er listet als wirksame und von den Kassen zu erstattende Arzneien Dutzende absurder Heilmittel wie Schweinehoden oder Rinderafter auf. Tausende Mediziner protestierten, vergebens.

Ebenso vergebens verhallen auch die Forderungen der medizinischen Fachgesellschaften nach besserer Prävention. Beispiel Folsäuremangel. Er kann fatale Folgen haben, vor allem für Föten. Mit "Neuralrohrdefekten" wie dem offenen Rücken (Spina bifida) werden in Deutschland jährlich rund 800 Babys geboren, Hunderte Abtreibungen kommen hinzu. Neben großem Leid entstehen Kosten von mehr als 400 Millionen Euro pro Jahr. Die USA, Kanada und andere Länder setzen deshalb Folsäure dem Mehl zu. Diese Vorbeugemaßnahme kostet fast nichts. Und wirkt. Im Dezember 2002 berichtete The Lancet , dass sich die Zahl der Föten mit Neuralrohrdefekten in Kanada halbiert hat. Doch solch rationale Präventionsmedizin lehnt die Bundesregierung ab. Vorbeugen soll jeder selbst. Wer etwas gegen Folsäuremangel tun will, kann eben Vitamintabletten kaufen – da muss die Krankenkasse keinen Cent bezahlen.

Ähnlich ist der Umgang mit Jodmangelkrankheiten. Sie schlagen jährlich mit einer Milliarde Euro zu Buche. Wer vorbeugen will, soll Jodsalz kaufen und selbst bezahlen. Wieder was gespart?

Keineswegs. Denn die Gemeinschaft trägt die Kosten fehlender Prävention. Welche Frau weiß beispielsweise schon, dass sie ihre Folsäurezufuhr bereits vor der Empfängnis steigern sollte? Neuralrohrdefekte entstehen in den ersten vier Schwangerschaftswochen.

Vorsorge setzt Wissen voraus. Will die Bundesregierung sie nicht staatlich verordnen, muss sie besser über Gesundheitsrisiken aufklären. Auch da versagt sie kläglich. Typisch dafür ist die stark gestiegene Zahl jugendlicher Raucherinnen. Auch Tabakgenuss schädigt Föten. Trotzdem paffen zwei Drittel in der Schwangerschaft weiter. Dutzende Fachgesellschaften haben jahrelang an die Bundesregierung appelliert, gegen Tabakrisiken stärker vorzugehen. Aus Berlin kamen viele Versprechungen, kaum Taten. Denn staatlich verordnete Vernunft ist unpopulär.

Alternativmedizin auf Kassenkosten dagegen, das bringt Millionen Wählerstimmen. Was zählen da einige tausend empörte Experten? Hans Schuh