Wie wird sich Marie Grundig im Winter des Jahres 1930 entscheiden, stimmt sie zu, oder lehnt sie ab? Schon eine Woche lang quält sie sich mit einem Mietvertrag herum, den Sohn Max ihr vorgelegt hat. In der Fürther Sternstraße, schräg gegenüber dem Weißwarengeschäft der Eltern Ludwig Erhards, will der Sohn den "Radio-Vertrieb Fürth, Grundig & Wurzer, Handel mit Radiogeräten" eröffnen. Bleibt nur diese Kleinigkeit: Der Vermieter verlangt von dem 22-Jährigen, dass die Mutter doch bitte unterschreiben möge – der Sicherheit wegen. Marie Grundig ist höchst skeptisch, gleichwohl stimmt sie zu. Am 15. November 1930 geht Max zum Amtsgericht und meldet seine Firma an, die in Glanzzeiten fast 40000 Menschen Arbeit geben und dann einen langen Niedergang erleben wird.

Der 14. April 2003 markiert den Tiefpunkt. Die einst so stolze Grundig AG meldet Insolvenz an. Die Konkurrenz lauert. Insbesondere an dem Namen sollen Wettbewerber interessiert sein.

Doch zurück zu den Anfängen: Schon 1938 verbucht Max Grundig die erste Umsatzmillion. Während des Krieges baut er Trafos für die Wehrmacht, unter anderem mit Hilfe von 150 ukrainischen Zwangsarbeitern. Weil er die aber gut behandelt haben soll, erlauben ihm die Alliierten nach dem Krieg schnell den Neustart. In kürzester Zeit floriert sein Reparaturbetrieb für Radios bereits wieder, doch Grundig treibt nur ein Gedanke um: Wie kann ich Radios bauen, wenn die Alliierten den Kauf streng an Bezugsscheine gekoppelt haben? Seine Antwort heißt Heinzelmann, ein Radio-Baukasten, der als Spielzeug gilt und deshalb ohne Auflagen verkauft werden darf. Schon Ende 1946 kommt der Kasten auf den Markt. Ein kleines deutsches Wirtschaftswunder kann beginnen.

Mit Neckermann reisen die Deutschen in den fünfziger Jahren hinaus in die Welt, Versandhauskönig Otto weckt Kaufwünsche, und Max Grundig lässt das Volk hören und sehen. Die Firma transportiert das Wir-sind-wieder-wer-Gefühl. "Deutschland ist Weltmeister!", schreit Fußball-Kommentator Herbert Zimmermann 1954 im Berner Wankdorfstadion ins Radiomikrofon. Tausende Deutsche erleben das bereits live am Fernseher mit, schließlich schafft es Grundig in diesem Jahr erstmals, ein TV-Gerät für unter 1000 Mark anzubieten. Die Marke gehört zur deutschen Familie, und Gründer Max Grundig weiß, was die Kunden in ihren Wohnzimmern wollen. Radios, Fernseher, hinzu kommen Tonbandgeräte, später Stereoanlagen, alles in bester deutscher Qualität und bevorzugt in Nussbaum oder Eichefurnier. "Grundigs Erfolg ist der Erfolg der Bundesrepublik und ihrer Menschen", wird Grundig-Spezi Franz Josef Strauß später sagen.

"Freude am Werk, an der Neuschöpfung" sei eine wichtige Triebfeder des Unternehmers, schrieb der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter 1911. Siehe Max Grundig: Spätabends sitzt er zu Hause, testet Geräte, bewertet Designentwürfe. Wenn es sein muss, korrigiert er die Position des Einschaltknopfes. Am nächsten Tag gibt er dann die Befehle an seine Entwicklungs-Ingenieure. Immer lodert es in ihm, den "Siegerwillen", wie es Schumpeter nennt, hat Grundig verinnerlicht.

"Ich habe von früh bis Abend Hunger gehabt", hat Max Grundig einmal über seine Kinder- und Jugendzeit gesagt. Als Vater Emil, von Beruf Lagerverwalter, stirbt, ist der Sohn gerade zwölf und muss die Familie miternähren. Noch einmal Schumpeter über den typischen Entrepreneur: "Er ist Emporkömmling und traditionslos, daher oft unsicher, anpassend, ängstlich, alles andere als ein Führer – außerhalb seines Bureaus." Grundigs Kapital ist seine Faszination für Antennendraht und Transistoren, für Schrauben, Löten, Tüfteln. Charismatischer Glanz wird ihm ein Leben lang fehlen. Da kann er noch so viel Luxus um sich herum bauen – auf Partys und in Interviews wirkt er oft deplatziert und etwas ungehobelt.

In seinem Betrieb verkörpert er indes "unternehmerische Führung" (Schumpeter). Gegen seine Ideen lässt die "fränkische Eiche" nichts gelten. Er ist oft brüsk und gibt in seinen späten Jahren zu, "ein bisschen Choleriker" zu sein: "Wenn mir dauernd einer reinredet, ist der größte Krach da." Er sei halt Franke. In der Tat ist Grundigs Heimat für ihren sturen Unternehmergeist bekannt: Grete Schickedanz baut dort zusammen mit ihrem Mann Gustav den Versandhandel Quelle auf, in Nürnberg gründet Theo Schöller 1937 eine kleine Eisfirma. Quelle wird später an Karstadt gehen, Schöller an Nestle – und was wird aus Grundig?

In den wirtschaftlich schwierigen Siebzigern ebbt die Konsumfreude der Deutschen ab. Mit neuen Ideen gelingt es Grundig zunächst, den Trend zu stoppen. Doch der Patriarch, mittlerweile an der Spitze einer Stiftung, der die Firma gehört, kann nicht loslassen. Er verschleißt eine Führungskraft nach der anderen. Karl Heinz Griesmeier geht 1975 verärgert zu Krauss-Maffei, Kurt W. Hackel hält sich 1981 gerade ein Jahr im Amt des Vorstandsvorsitzenden. Nachfolger? Davon will der große Max Grundig nichts wissen; wem Ambitionen nachgesagt werden, der ist geliefert. "Er schafft rastlos, weil er nicht anders kann, er lebt nicht dazu, um sich des Erworbenen genießend zu erfreuen", schrieb Joseph Schumpeter über Leute wie Max Grundig – und ahnt vielleicht nicht, vor welche Probleme sie ihre Firma damit stellen können.