Wer oder was ist ein Wusical? Wie lässt sich erklären, was Gründonnerstag am Bochumer Schauspielhaus Premiere hatte? Ursprünglich sollte das Stück über ein pferdeverliebtes Mädchen Wendy – ein Musical heißen. Das hätte jeder verstanden: Aber was auf die Bühne kam, war etwas ganz anderes, nämlich das, was entsteht, wenn Helge Schneider versucht, ein solches Musical herzustellen (beziehungsweise eben nicht), und das darum zu Recht lieber Mendy – ein Wusical genannt wurde.

Wer oder was aber ist Helge Schneider? Anders als jene meinen, die ihn seit Jahren kennen, verehren oder verabscheuen, die sich noch heute mit sprachlosem Schaudern an seinen Hit Katzeklo (1994) erinnern, an seine Trash- und Nonsens- Filme (Praxis Dr. Hasenbein) und seine bizarren Krimis (Das scharlachrote Kampfhuhn) , ist Helge Schneider noch niemals ordnungsgemäß bestimmt worden. Schneider ist nämlich nicht einfach ein Spaßmacher, Kabarettist oder Clown (obwohl seine Neigung zu Damenhandtaschen aus abblätterndem Lackleder sehr dafür spricht). Schon gar nicht ist Helge Schneider ein Transvestit (obwohl er sich für sein Leben gerne umzieht). Er ist auch kein Komiker (obwohl er sehr komisch ist), kein Musiker (obwohl er gute Musik macht). Er ist kein Entertainer oder Showstar (obwohl er sich gerne als Star sieht). Helge Schneider ist ein Dadaist.

Er ist Nachfahr jener deutschen Sinnzertrümmerer, die in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Kunst von jedem Welterklärungsanspruch befreiten. Sie waren keine Satiriker, sie wollten keinen Missstand im Besonderen entlarven, sondern unser Leben im Ganzen, einschließlich des Ärgers über Missstände. Der Ärger schien ihnen genauso lächerlich wie das Ärgerliche. Die Dadaisten wollten das Ungereimte der Existenz ans Licht zerren, sie waren Vorläufer des absurden Theaters, nur radikaler und besser gelaunt als Beckett und Ionesco.

Deshalb macht auch Helge Schneider sich in seinem Stück nicht über pferdeverliebte Teenager lustig, noch nicht einmal über Tierliebe in einer Gesellschaft von Tierverwertern. Zwar gibt es von all dem etwas; zum Beispiel möchte der Vater Wendys geliebtes Pferd an den Abdecker verkaufen, um sich neue Felgen für seinen Porsche zu leisten, und daran ließen sich treffliche Gedanken knüpfen über unser instrumentelles Verhältnis zur Kreatur in Zeiten universeller Markt- und Tauschverhältnisse. Aber aller Ernst dieser Art wird unterlaufen durch den ganz anders ernsten, den heroischen Tausch, den Wendy vorschlägt – nämlich an des Pferdes Stelle zum Abdecker zu gehen. Mit einer schreiend absurden Rolle rückwärts springt Schneider aus der modernen Warenwelt ins klassische Drama.

Und gleich darauf mit einem Purzelbaum wieder in die Gegenwart. Denn alle finden den Tausch vernünftig, der Vater, der Abdecker, vor allem aber das Pferd: "Puhuu, das ist ja gerade noch mal gut gegangen. Stell dir mal vor, ich beim Schlachter!" Helge Schneider ist der Meister des Unangemessenen. Es wäre falsch zu sagen, dass er mit dem Entsetzen Scherz triebe; denn so lustig ist es gar nicht, wenn die Tiere, die auf den Abdecker warten, unter ihnen Wendy als Pferde-Ersatz, das heitere Lied von der Muh Kuh anstimmen: "Ich bin die Muh Kuh… Geb keine Milch mehr; ich rentier mich nicht mehr, jajaaa."

Helge Schneiders absurde Komik entsteht, weil alle ständig aus der Rolle fallen; der Vater wird zum Ende von seinem Porsche-Wahn geheilt, nachdem er versehentlich die Mutter überfahren hat, die er für eine Bodenwelle hielt: "Ich brauche keine neuen Felgen mehr. Die Spurstange ist eh verbogen, scheiß Bodenwelle. Im Leben geht es anscheinend doch um etwas anderes als Reifen, Felgen, Spurstangen…"

Auch das ist unechte Rede. Der Vater hat nur eine der vielen Formeln aufgegriffen, die als Schrott am Wegesrand immer schon bereitliegen. Ähnlich unangemessen verfällt der Knecht, den die Mutter einige Szenen zuvor erschlagen hat, in das biblische Pathos Hiobs: "Warum hat der Schöpfer sich gerade mich ausgesucht… Warum ich?" Und in der Tat – die Mutter wollte eigentlich die ungezogene Tochter erschlagen. Der Vater kommentiert den Vorgang, als sei ein Glas Milch verschüttet worden. "Na toll", murmelt er, "na toll. Na toll." Das ist weder Dumpfheit der Figuren noch Ungeschicklichkeit des Autors. Was hier aus der Rolle fällt, ist vor allem die Sprache selbst. Im Scharlachroten Kampfhuhn gibt es die Formulierung von einem "für die Jahreszeit viel zu weiten Mantel".

Helge Schneider ist so etwas wie die deutsche Jelinek. Auch Elfriede Jelineks Figuren verheddern sich hilflos in den Redensarten, und am Ende türmt sich um sie der Sprachmüll zu einem Gefängnis, aus dem es kein Entrinnen gibt. Schneider sprengt dagegen mit jeder falsch verwendeten Formel seinen Figuren einen Weg ins Freie. Es ist allerdings nicht die Freiheit des richtigen Lebens, sondern die Freiheit der reinen Absurdität. Schon seine Figuren sind in gewisser Hinsicht nichts als absurd verwendete Redensarten, und während wir ihrem Spuk zusehen, der sich gelegentlich in Gewalt entlädt (für den amerikanischen Philosophen Robert Brandom ist Gewalt das Ergebnis scheiternder Sprechakte), erkennen wir die totale Unangemessenheit einer jeden Sprache, die unsere Existenz beschreiben soll. Es gibt nichts zu sagen, es sei denn: Na toll. Na toll. Na toll.