Jetzt noch schnell in die Fluten stürzen? Bevor die Sonne ganz weggedämmert ist? Gerade leuchtet sie noch mit letzter Kraft als blassroter Fleck vom Horizont herüber. Erst spät am Tag haben wir den Strand von Tela und damit die karibische Küste von Honduras erreicht. Außer uns ist kaum jemand zu sehen. Im Sand ein einheimisches Pärchen, das sich bei zwei Bier vertraulich unterhält. In Rufweite Kinder, die Netze zusammenlegen, damit ihr Vater sie in der Frühe unverknäult zur Hand hat, wenn er mit seinem schmalen, verblichenen Ruderboot Galaxy 1 wieder raus auf Fischfang muss. Eine Brise Besinnlichkeit ginge wohl über die gesamte Szenerie hinweg, wenn nicht in unserem Rücken die Strandbars mit Böen voll frischen Latin-Pops dagegenhielten.

Also ziehen wir uns zurück, und zwar dorthin, wo die Fischerboote auf den Sand gezogen sind, wo es keinen Ausschank, sondern nur ein paar ärmliche Holz- und Wellblechhütten gibt, in denen die Fischerfamilien nun das Abendessen vorbereiten. Erstaunlich, diese Baracken mitten auf Telas karibischem Filetstück – wo doch der Strand im Grunde zum Stadtzentrum gehört. Wenige Meter von den Hütten entfernt kreuzt die 8. Avenue die 11. Straße. Direkt davor geht dann der Asphalt im Sand unter. "Die Bars rücken immer näher, die Hotels werden immer mehr. Für uns bleibt kein Platz mehr", sagt Jesús Jiménez, der mit seiner Familie in einer der Hütten lebt. Da der Grund unter seinem Heim nicht ihm, sondern der Stadt gehört, kann die Mikro-Favela um ihn herum der nächsten Verschönerungskampagne zum Opfer fallen. Dann dehnte sich die "Zone des Lasters", wie Jiménez den mit Bars besiedelten Strandstreifen halb despektierlich, halb romantisierend nennt, noch einmal weiter aus.

Tela wirkt freilich nicht, als stünde ein beherzter Sprung auf die nächste touristische Entwicklungsstufe unmittelbar bevor. Eher sieht es so aus, als habe man sich nach dem letzten Schritt erst einmal ausgeruht und sei dabei irgendwann in eine Art Dornröschendämmer geraten. Im Grunde gilt das fürs gesamte Land. Honduras träumt vom großen touristischen Auftrieb. Vorerst findet er nicht statt, und mittlerweile kann daran kaum mehr der verheerende Wirbelsturm Mitch schuld sein, der im Oktober 1998 in Honduras wütete. Neidvoll blicken die Touristiker auf nahe gelegene Staaten wie Guatemala oder Costa Rica, die ihre eigene Scheibe von Mittelamerika gewinnbringender vermarkten. Honduras will aufschließen, und mit einigem Recht. Es hat tropische Strände, Maya-Ruinen mit Unesco-Gütesiegel, Vogelarten en masse, Nebelwälder, Mangrovensümpfe und Korallenriffs. Es fehlt an nichts. Höchstens am Markenzeichen. Von allem etwas – das kann’s ja nicht sein.

Bis zur (sagen wir ruhig: unausbleiblichen) Entdeckung von Honduras mag der Vorausreisende noch genießen, was den Fremdenverkehrsstrategen nicht behagt: die Ruhe vor dem Ansturm. Dazu eignet sich Tela hervorragend. Bis vor einigen Jahren war die Stadt noch ein Zentrum der heimischen Bananenindustrie. Seit aber 1992 die Mole abbrannte, wird der Export über andere Häfen abgewickelt. Und die Tela Railroad Company, die früher den Bananentransport über Land betrieb, existiert nur mehr schemenhaft. Das alte, neobarock verzierte Hauptquartier aus dem Jahr 1916 ist entkernt, eine Ruine, der große Saal übersät mit zersprungenen Fliesen. Es verkehrt noch genau ein Zug, so gut wie museumsreif; er bringt am Wochenende Pendler und Ausflügler zur nächsten Provinzhauptstadt.

Tela hat eine Zukunft schon hinter sich. Die nächste lässt auf sich warten. In der Zwischenzeit scheint die Stadt auszuspannen. Auf dem Markt gibt es Händler, die ihren Fruchtstand von der Hängematte aus betreiben, solange die Nachfrage es zulässt. Und abends arbeiten Bedienungen aktiv mit an der gähnenden Leere im Restaurant. Ihnen genügt schon ein kurzer Blick des Gastes in die Karte, um direkt daneben löwengleich Luft zu holen. Manchmal fügt sich die Langeweile Einzelner zu großartigen Stillleben des Durchhängens. Die Köchin lehnt wie eine Statue der Ermattung in der Küchentür, die Tresenkraft schlafft auf einem Stuhl neben den brummenden Kühlschränken ab, der Wirt spielt an einem Apparat zur Geldschein-Durchleuchtung. Die drei Männer an der Theke, ein schwarzer caribeño , ein Indio, ein Mestize, starren stoisch in Richtung Fernseher. Bis es aus der Lautsprecherbox schnulzt: Nada más difícil que vivir sin ti! – Nichts ist so schwierig wie ein Leben ohne dich! Da singen sie plötzlich mit und sehen schwer danach aus, als wüssten sie auch, wovon sie singen. Derweil zieht die örtliche Mariachi-Combo Aguilas del Norte (Adler des Nordens) arbeitslos um die Häuser. Die drei auf mexikanisch getrimmten Herren mit schwarzen Ranchero-Anzügen und beeindruckenden Vokuhila-Frisuren würden die Schnulzen gern live an den Tischen spielen. Doch fehlt es an zahlungswilligen Zuhörern.

Honduras ist ein armes Land, eines der ärmsten in Lateinamerika. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Viele hondureños träumen, wie andere Latinos auch, von einem Leben in den USA. Besonders die Garífuna wandern ab, die Schwarzen, die fast ausschließlich an der karibischen Küste und auf den ihr vorgelagerten Inseln leben. Ihre Vorfahren konnten sich im 17. Jahrhundert aus der Versklavung durch die Briten befreien. In den Nachkommen hat etwas vom Stolz der früh Befreiten überlebt und mischt sich nun mit dem Laisser-faire der von früh bis spät Besonnten.

Größere Küstenstädte wie Tela teilen die Garífuna mit hondureños anderer Abstammung. Aber es gibt auch Orte, in denen sie weitgehend unter sich geblieben sind. Miami zum Beispiel – ein schmaler Streifen Dorf zwischen der Laguna de los Micos und dem Meer, mit Hütten aus Kokospalmen und Zuckerrohr, hingesetzt auf weißen Sand. Der Anblick entspricht so sauber dem Klischee einer karibischen Siedlung, dass man nur mit Mühe den Argwohn abschüttelt, es handele sich hier um eine regionale Variante der Truman Show, um ein eigens für Touristen belebtes Museumsdorf. Ein Reiseveranstalter aus Tela fährt täglich ein paar Leute im Jeep über eine unwegsame Schotterpiste zur abgelegenen Landzunge. Bis vor wenigen Jahren hat ein ausgedehnter Palmenhain den Weg gesäumt. Jetzt schaukelt der Geländewagen durch eine Art Stelenfriedhof. Die Stämme ragen noch auf, die Palmwedel aber sind abgefallen, die Pflanzen tot. Eine Infektion aus dem Norden. Auch in Miami selbst weht kaum mehr ein Blatt im Wind, den einzigen Schatten spenden schilfbedeckte Sonnendächer, unter die sich die Einheimischen zur Mittagszeit flüchten.

Warum das Dorf Miami heißt? Ein Scherz, sagt Isidro Menéndez, ein Fischer in den Sechzigern, der damals bei der Taufe dabei war. Vor 30 Jahren wurde die Siedlung offiziell anerkannt und brauchte einen Namen. Jemand habe einen Vergleich mit Miami Beach gewagt, der Lage wegen. Großes Gelächter seinerzeit! Jedenfalls zunächst. Aber schließlich… – Da ist sie wieder, die Sehnsucht nach dem guten Leben im reichen Norden. Auch aus Miami sind schon einige gen Nordamerika aufgebrochen. Man erwartet von ihnen einen Scheck hin und wieder, leistet sich aber ansonsten kritische Distanz zum Patenland. "Das war keine Infektion", sagt Menéndez zur Palmenkrise. Er sieht nun etwas konspirativ unter seiner Baseballmütze hervor, die den englischen Slogan trägt: Fish fear me, women love me. "Dieselben Länder, die uns jetzt minderwertige Palmen als Ersatz spenden, haben uns vorher die alten vergiftet. Die konnten’s nicht ertragen, dass wir die besten Kokospalmen der Welt hatten." So trifft man im vermeintlich traditionellsten Karibikdorf auf durchaus fortgeschrittene Verschwörungstheorien. Kein Wunder also, dass man auf Simulationsfantasien à la Truman Show verfällt.