Bagdad

Mit unserem Blut und unserer Seele werden wir uns für dich opfern, Hussein." Die Losung in den Straßen von Bagdad ist dieselbe geblieben, nur die gefeierte Person ist eine andere. Nicht mehr Saddam Hussein ist das Objekt der glühenden Verehrung, sondern Imam Hussein. Anders als bei Saddam ist sein Tod gewiss. Imam Hussein ist kein Geringerer als der vierte Kalif, Schwiegersohn und Cousin Mohammeds – der "Vater" des Schiismus. Nicht mehr die Milizionäre der Baath-Partei rufen die eingängige Opfer-Losung, sondern die jungen schiitischen Islamisten von Kerbala. In der heiligen Stadt wurde Hussein im Jahr 680 ermordet. Das Opfer Husseins ist für die Schiiten zentraler Bestandteil ihrer Religion. Darin enthalten ist ein Versprechen auf Erlösung, das in diesen Tagen auch einen diesseitigen Sinn bekam: Nach dem Sturz Saddam Husseins hoffen viele Schiiten auf eine politische Befreiung. Die erste Chance, die ihnen die Freiheit bietet, nutzen die Schiiten schon. Millionen pilgern in diesen Tagen nach Kerbala, um an den Tod Husseins zu erinnern. Es ist bereits die zweite rituelle Pilgerreise. Die erste findet immer am 10. März statt, dem Todestag Husseins. Aber am 10. März dieses Jahres war der Diktator Saddam Hussein noch an der Macht, und der Krieg stand bevor. Keine gute Zeit für Pilger, zumal Saddam Hussein dieses schiitische Ritual streng verboten hatte. Die zweite Pilgerreise beendet nach vierzig Tagen die Trauerzeit. Jetzt, nach dem Krieg, ist sie wie eine doppelte Befreiung: eine religiöse und eine politische.

Als die Pilger in Kerbala eintrafen, wehte auf der goldenen Kuppel der Moschee noch die schwarze Fahne der Trauer. Schnell wurde sie durch eine rote Fahne ersetzt – die Farbe des Martyriums. Im Bewusstsein der Schiiten nehmen die Märtyrer einen zentralen Platz ein. Unter Saddam hatten vor allem die Schiiten viele Opfer zu beklagen. Zu den prominentesten gehört Mohammed Sadeq al-Sadr, ein weißbärtiger Ajatollah aus Nadschaf. Saddam Hussein ließ ihn 1999 ermorden. So wurde er zum Märtyrer, dessen Bild die Pilger gern vor sich hertragen. Schon der Vater des Geistlichen starb 1980 in den Kerkern der Diktatur. Der Tod von al-Sadr löste den größten Aufstand unter den Schiiten seit 1991 aus. Auch dieser Aufstand wurde im Blut ertränkt.

Doch nun wird der Mord an dem Ajatollah gesühnt. Die Wiedergutmachung ist symbolisch: Saddam City, der mehrheitlich von Schiiten bewohnte Slum von Bagdad, heißt künftig al-Sadr City. Diese Ansammlung von schiefen Betonplatten an ungeteerten Schlaglochpisten ist eines der Zentren für den Aufstieg der Islamisten im von Saddam befreiten Irak. Es bietet dem jungen Muchtada al-Sadr, dem Sohn des ermordeten Ajatollahs, Raum für seine angemaßte Rolle. Muchtada ist gerade einmal 22 Jahre jung. Die Karriere dieses fanatischen Hitzkopfes aus einer Familie von Geistlichen zeigt, wie sich Teile der schiitischen Bewegung im Irak radikalisieren.

In Nadschaf, einer weiteren Bühne der islamistischen Gruppen, hat diese Radikalisierung schon ihr erstes Opfer nach Saddam Hussein gefordert. Muchtada al-Sadr scheint in die Sache verwickelt zu sein. Er konkurriert in dieser zweiten heiligen Stadt der Schiiten mit gemäßigten, angesehenen Ajatollahs. Die Anhänger des jungen al-Sadr sollen für den spektakulären Mord an Abdel Madschi al-Choi verantwortlich sein. Dieser islamische Gelehrte ist am 10. April innerhalb des Heiligen Schreins des Imam Hussein erstochen worden. Al-Choi war eben erst aus seinem Londoner Exil zurückgekehrt, wo er zehn Jahre auf der Flucht vor Saddam Hussein verbracht hatte. Obgleich er die Unterstützung der britischen und der amerikanischen Regierung genoss, konnten deren Truppen seine Ermordung nicht verhindern. Al-Chois Anhänger sprechen nun von "einem weiteren Verrat" der Amerikaner. Schon 1991 ließen die USA al-Choi fallen, weil der für ihren Geschmack zu engen Kontakt mit den Ajatollahs in Teheran pflegte.

Der Mord in der Moschee wirft nun dunkle Schatten auf die Zukunft des Iraks: Zwischen den Schiiten ist ein Machtkampf ausgebrochen.

Ab sofort wird zurückgeplündert

Nadschaf ist nur Teil des islamistischen Netzwerkes, das der junge Muchtada al-Sadr stetig ausbaut. Dazu gehören die so genannten Bürgerwehren in Bagdad, deren Aktivisten auf seine Befehle hören. In Bagdad hat al-Sadr einen Gesandten, der für ihn spricht. Welches Verhältnis hat seine Gruppe zu den amerikanischen Soldaten? "Wir haben mit niemandem Kontakt", sagt Scheich Walid al-Zawi. "Weder mit den Amerikanern noch mit den Oppositionsgruppen, die im Ausland leben. Wir gehorchen allein al-Sadr." Während er das sagt, häufen in einer anderen Ecke des Raumes junge Männer allerlei Güter auf, die sie den Plünderern abgenommen haben. Al-Zawi überwacht das Ganze aus den Augenwinkeln.