Von einer "Generation Golfkrieg" war angesichts der Schülerdemonstrationen der vergangenen Wochen rasch und mit einiger Erwartbarkeit die Rede. In fortschrittsbeflissenen Blättern wurde, ebenso wenig überraschend, erfreut der Einsatz moderner Technik wie Handy oder Internet bei der Vorbereitung von Protestkundgebungen vermerkt. Eine Sorte von erwachsenen Traditionalisten hoffte sogleich auf eine neue Friedensbewegung. Eine andere argwöhnte, unverbesserliche 68er-Lehrer schickten wehrlose Kinder während der Schulzeit zum Demonstrieren. Inzwischen ist es an der Protestfront wieder ruhiger geworden, und man kann ins Gespräch kommen*: Hat der Krieg im Irak die politischen Einstellungen junger Leute in Deutschland verändert?

Die Verstetigung der bunten Einzelaktionen zu irgendeiner Form von "Friedens"- oder sonstiger "bewegung" lässt sich bislang kaum beobachten. Gewiss, ein paar Schülersprecher und Demo-Organisatoren dürften durch das Erlebnis ihrer kurzfristigen Wirksamkeit (soo viele Demonstranten, soo viele Interviews) dauerhaft politisiert werden, können bei Attac landen oder bei den Trotzkisten von der Sozialistischen Alternative Voran, die sich heftig um die Organisation der Schülerproteste bemüht hat.

Für ein dauerhaftes Massenengagement fehlt nach dem Ende des Krieges aber das Betätigungsfeld: Die Parteien sind entweder zu verunsichert oder zu sehr nach innen gekehrt, um den Jugendlichen in diesem Augenblick ein reizvolles Angebot zur politischen Mitarbeit zu machen. Dabei wären es gute Zeiten zum Einsammeln junger, eifriger Leute. "Wir merken jedenfalls, dass diejenigen von uns, die aktiv sind, mehr zu Wort kommen und dass die anderen sich mehr für unsere Veranstaltungen interessieren", sagt Eva Nerong. Die 18-Jährige ist stellvertretende Vorsitzende der Jungen Presse Schleswig-Holstein – ihr Verein unterstützt Schüler bei der Gründung eigener Zeitungen.

Rein kriegsbezogenes committment hingegen droht jetzt relativ schnell im Sande zu verlaufen: Bei der Hamburger Schülerkammer zum Beispiel treffen sich nach den Großprotesten nur noch 20 bis 30 Aktivisten zum regelmäßigen Arbeitskreis. Einen Schweigemarsch bereite man vor, in Zusammenarbeit mit der GEW, sagt Kammer-Sprecher Björn Maas: "Na ja, nun wohl einen Trauerzug für die Opfer." Der amerikanische Einmarsch in Bagdad sei ja doch ein historischer Tag gewesen – "viele Iraker sahen so aus, als ob sie sich freuen", sagt Maas nachdenklich.

Zivi Johannes sieht Chancen für eine neue deutsche Souveränität

War der Antikriegsprotest also vielleicht doch verkehrt, voreilig, zu wenig durchdacht? Wenn man – nach Gesprächen mit etwa hundert Hauptschülern, Gesamtschülern, Gymnasiasten, Schülerzeitungsredakteuren und Zivildienstleistenden – eine verallgemeinernde Aussage treffen kann, dann wohl die, dass alle, die sich überhaupt für den Krieg interessiert haben, gerade keine einseitigen, naiven Friedenskinder sind. Sicher, die überwältigende Mehrheit der unter 24-Jährigen war, wie der Rest der Gesellschaft, "gegen" den Krieg. Gleichzeitig sei es aber die Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen, die für die Position Amerikas deutlich mehr Verständnis aufbringe als die übrige Bevölkerung, sagt Richard Hilmer vom Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap: 22 Prozent von ihnen hätten den Krieg "gerechtfertigt" gefunden – im Vergleich zu 14 Prozent bei den Älteren.

Von plattem Antiamerikanismus kann bei den Schülern nicht die Rede sein, auch wenn sie sich ausnahmslos über die Umbenennung der "French Fries" in "Freedom Fries" ereifern und den blinden Patriotismus mancher Internet-Chats kritisieren. Ebenso sehr stören sich aber zum Beispiel Johannes und Jan aus dem Leistungskurs Geschichte des Gymnasiums Elmschenhagen an der Ahnungslosigkeit mancher Demonstrationsredner. Und an der frühen Festlegung der Bundesregierung auf ein bedingungsloses Nein zum Krieg. "Ich schließe Krieg als letztes Mittel eben nicht aus, wenn Menschenrechte verletzt werden wie im Kosovo", sagt Johannes.

Ähnlich äußern sich Neuntklässler in einer Diskussion, deren Lebhaftigkeit selbst den Rektor der Hauptschule überrascht, der dazu eingeladen hat: Es sei nicht in Ordnung, dass die deutsche Regierung gleich gesagt habe, sie mache nicht mit – schließlich hätten die Amerikaner Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg geholfen. "Der Schröder wollte sich nur bei der Bevölkerung einschleimen", sagt ein 16-Jähriger, der zuvor ermahnt worden war, seine Rapper-Mütze vom Kopf zu nehmen.