Mögliche Rechtfertigungsgründe für den Angriff der USA können fast alle Schüler, gleich welcher Schulform und Altersstufe, nennen: dass Saddam Hussein ein Diktator gewesen sei, dass die Menschen im Irak Angst vor ihm gehabt hätten; dass es dort keine Demokratie gegeben hätte, man jetzt aber vielleicht wählen dürfe; dass Saddam Hussein Kurden ermordet habe.

Doch all diese Argumente wirken wie der pflichtgemäß faire Versuch, den Standpunkt des Diskussionsgegners zu verstehen. Zu Eigen macht sich die amerikanische Position kaum jemand. Und die oben zitierten Kritiker der Bundesregierung sind in einer zwar nennenswerten, aber doch deutlichen Minderheit. Die Gefühle der Mehrheit drückt die 17-jährige Gesamtschülerin Signe aus: "Ich bin froh, dass wir eine Regierung haben, die auch mal nein sagt zu Amerika, die der eigenen Meinung treu bleibt und sich nicht beeinflussen lässt."

Ähnlich sieht es Sönke, der gerade die Zivildienstschule besucht: "Ich finde es sehr gut, wie sich die Bundesregierung verhalten hat." Von Politikverdrossenheit keine Spur: Stundenlang kann man mit den Jugendlichen über das hoch politische Thema Irak reden, ohne dass es je gegen "die" sonst gern pauschal für nutzlos erklärten Politiker geht. Dieser Umstand deutet auf zweierlei hin: Erstens sind politische Debatten offenbar dann interessant, wenn um deutlich unterscheidbare Alternativen gestritten wird – die technokratisch-detailverliebte Innenpolitik der letzten Jahre hat niemanden in vergleichbarer Weise gefesselt. Und zweitens finden deutsche Jugendliche augenscheinlich zum ersten Mal einen Weg, stolz auf ihr Land sein zu können – in der ideologisch einigermaßen unverdächtigen Friedensfrage.

Zivi Johannes sieht jedenfalls in der gegenwärtigen deutschen Außenpolitik Chancen für eine neue Souveränität. Und sein Kollege Fabian ärgert sich darüber, dass man als Deutscher für die Amerikaner immer noch ein Nazi sei.

Der Kasseler Soziologe Heinz Bude glaubt, dass die differenzierte Haltung vieler Jugendlicher zum Irak-Konflikt Ausdruck einer generellen "moralischen Höherentwicklung" der politischen Diskussion in Deutschland sei: "Beim ersten Golfkrieg vor zehn Jahren hieß es noch kategorisch ‚Kein Blut für Öl‘, und in der damaligen Friedensbewegung herrschte die Überzeugung, Krieg sei unter keinen Umständen zu rechtfertigen. Heute sagen die Schüler: Diesen Krieg wollen wir nicht." An diesem Krieg und denen, die ihn geführt haben, beklagen die Jugendlichen vor allem die Weigerung der Amerikaner, sich an internationale Spielregeln zu halten. "Die Amerikaner haben das Völkerrecht auf miese Weise gebrochen", sagt Jens aus dem Geschichtsleistungskurs. "Sie haben die ganze Arroganz ihrer Macht gezeigt und die UN wie ein Schülerparlament behandelt." Sein Mitschüler Johannes findet es "unfassbar, dass die USA die neue Weltordnung, die sich gerade unter dem Dach der UN zu entwickeln begann, straflos zerstören dürfen – dass man nichts gegen das tun kann, was eine Supermacht wirklich will." Auch Henrik und Lars aus der Hauptschulgruppe beklagen, dass die Amerikaner auf "niemanden hören" wollten und sich kein bisschen darum gekümmert hätten, "ob sie in diesem Rat die Mehrheit haben oder nicht".

Die jungen Leute, sagt der Jugendforscher und Generationen-Spezialist Claus Leggewie, nähmen Stellung gegen eine amerikanische Regierung, die sich zur Weltregierung aufschwinge: "Antiamerikanisch sind sie deshalb nicht. Nur hoch moralisch. Und ist das schlecht? Wer argumentiert denn heute noch moralisch?"

Der Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter sieht in diesem Umstand den Ansatzpunkt für eine neue Generationen-Konfiguration: Die moralisch argumentierenden 17-jährigen könnten sich überraschend mit ihren 68er-Großeltern verbünden. Letztere träten "lange nicht mehr so eifernd auf wie vor zehn Jahren" – ihr Weg in den Vorruhestand sei von einer gewissen Altersmilde geprägt, sagt Walter. Das mache sie womöglich zu guten Gesprächspartnern für Enkel, die sich gegen den Pragmatismus, die Illusionslosigkeit und Wirtschaftsfixierung der aktuellen Eltern- und Lehrergeneration zu wehren beginnen.