Eine Geschichte wie diese kann jeden Tag passieren, niemand ist dagegen gefeit, in ihren Sog zu geraten, keiner kann sich sicher sein, unbeschädigt daraus hervorzugehen. Eine Schulgeschichte, auf den ersten Blick, Mitwirkende: dritte Klasse A und B einer Realschule zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Zeitrahmen: drei entsetzliche Wochen vor Weihnachten, in denen sich alle Kinder von einem Tag zum anderen der gemeinsten Dinge verdächtigen, keineswegs zu Unrecht, sie verlieren ihre alten Freunde und das Vertrauen ineinander. Wie schön wäre es, wenn solche üblen Geschichten nur innerhalb von Schulhofsmauern passierten. In Wirklichkeit aber ereignen sie sich überall. Verrat, Treulosigkeit, gemeine Typen, die sich aufspielen und andere in ihre Macht bringen, zur Hetzgemeinschaft formen, das gibt es auch um Schulen herum in geradezu ausgewachsener Weise, weshalb Anna Maria Jokl 1937 diesen Roman geschrieben hat.

Die jüdische Schriftstellerin, ursprünglich Wienerin, war 1933 vor den Nationalsozialisten aus Berlin nach Prag geflohen, um der Hetze gegen Juden, den Schikanen und den Verboten zu entgehen, die aus Juden gebrandmarkte Menschen machen sollten, solche, die nicht einmal mehr ein Radio besitzen durften, denen es verboten war, Parkbänke zu benutzen oder Cafés und Theater aufzusuchen oder auch nur ins Schwimmbad zu gehen oder ihren Beruf auszuüben. Sie schrieb diese Geschichte, um davor zu warnen, wie schnell es passieren kann, dass selbst die nettesten Menschen an die lächerlichsten Verleumdungen glauben und sie sogar eifrig betreiben. Sie erzählte, wie ein kleines Fläschchen mit einer wundervollen selbst gemischten Perlmutterfarbe nach dem Kunstunterricht aus dem Ranzen des hoch respektierten "Maulwurfs" aus der A verschwindet und die Verdächtigungen sprießen und plötzlich ein Sündenbock gefunden wird, ausgerechnet Karli! aus der B, wie sich Mitschüler, tatsächlich der beliebte Alexander, in gewissenlose Jäger verwandeln und unbeliebte, zum Beispiel ein Sitzengebliebener namens der lange Gruber, zu geifernden Wortführern werden. Aber kaum war der Roman getippt, hatten sich die Nazis schon bis in die Tschechoslowakei ausgebreitet, Prag besetzt, und Jokl musste wieder fliehen, diesmal nach Polen, von da weiter nach London. Ihr Manuskript von der Perlmutterfarbe hatte sie zurücklassen müssen!

Dieses Buch wäre nie gedruckt worden, hätte sich nicht zugleich eine Geschichte ereignet, die ebenfalls aus einem Roman stammen könnte, hätte nicht ein Fluchthelfer namens Josef, der viel Geld damit verdiente, verfolgte Menschen von Prag nach Polen zu schmuggeln, hätte dieser Josef sich nicht auf sein bestes Selbst besonnen und auf einer seiner nächsten Touren das Manuskript der Anna Maria Jokl ihr ungebeten und ohne Bezahlung aus Prag mitgebracht. So konnte es nach dem Krieg, als Anna Maria Jokl nach Berlin zurückgekehrt war, 1948, im Dietz Verlag gedruckt werden. Die Perlmutterfarbe war in den fünfziger Jahren der meistausgeliehene Roman der öffentlichen Büchereien. Dann allerdings befand wieder einmal eine Regierung, diesmal die im Osten Deutschlands, dass Anna Maria Jokl eine unerwünschte Person sei, und sie zog nach Israel, wo sie vor zwei Jahren mit 90 Jahren starb, und es ist ein weiterer glücklicher Zufall, dass ihr schönes Buch im Jüdischen Verlag bei Suhrkamp in Frankfurt noch einmal erscheinen konnte und dazu ihre weiteren Bücher, die von den Wirren des letzten Jahrhunderts erzählen, zum Beispiel Die Reise nach London oder Essenzen.

Ohne diese ganzen Verwicklungen wäre Die Perlmutterfarbe heute vielleicht so bekannt wie Emil und die Detektive. Und die Klagen über den Mangel starker Mädchenfiguren im deutschen Kinderbuch könnten leiser ausfallen, weil die unbestechliche Lotte uns vor Augen stünde, wie sie ihre furchtsamen Mitschüler ("Nnnniemand hat sich getraut") klar durchschaut und mutig spricht, was kaum jemand zu denken wagt. Lotte und überhaupt die ganze A und B wachsen einem ans Herz, selbst die Schurken unter ihnen und die Drückeberger und Wichtigtuer. Alle sind so verschieden und stecken doch miteinander in einer Klasse, die Arztsöhne und das Kind vom Heizer oder das der alleinerziehenden Verkäuferin; es ist bewundernswert, wie Jokl ihnen ironisch pointiert Konturen gibt, dem runden Faulen, dem einsamen Erfinder, dem Sportass, dem die anderen dankbar die Hausaufgaben hinzaubern, mit geschickt platzierten Fehlern. Es ist ein Zusammensein, wie man es heute kaum kennt, sie raufen sich im wahren Sinne des Wortes sehr schmerzlich zusammen. Auch dies zeigt uns Anna Maria Jokl aufs schönste: wie die Kinder das allein hinkriegen und man kluge Lehrkörper daran erkennt, dass sie sich, sozialpädagogisch zumindest, raushalten und den Kindern ordentlich was zutrauen.