Ein Buch lesend saß ich inmitten einer dieser grünen Flecken, die man in Großstädten Parks nennt. Plötzlich nahm auf der Bank neben mir eine junge Frau Platz; sie entblätterte aus einem fettigen Papier eine ebensolche Speise. "Kann man das essen", fragte ich, "oder ist es nur zum Riechen?" Der Döner stank zum Himmel. Würde ich einem Verein beitreten, erklärte ich, dann wäre es einer zur Verhinderung des Verzehrs stinkender Speisen in der Öffentlichkeit. Sie aber berief sich genau auf diese Öffentlichkeit. In ihr habe niemand das Sagen, sie gehöre allen, und aus demselben Grund vertrat ich die Gegenthese: Deshalb müsse man Rücksicht nehmen! Der Streit versackte, aber weil sie sich so sehr an die Wechselrede gewöhnt hatte, fragte sie, was für ein Buch ich da hätte. Ich blieb die Antwort schuldig, ich mag ja nicht, dass man weiß, was ich lese. Dafür stellte ich ihr eine Frage: "Was sind Sie denn von Beruf?" – "Journalistin", sagte sie. "So ein Glück, da habe ich ja in meinem Buch das Richtige für Sie." Ich las ihr daraus ein Zitat von Aragon vor: "Und wenn ich sage Journalist, dann meine ich Drecksau. Das ist der richtige Name für das, was ihr tut."

Derartig treffende Zitate findet man en masse in: Das zynische Wörterbuch, herausgegeben von Jörg Drews, erschienen bei Reclam Leipzig. Wer also Das zynische Wörterbuch, herausgegeben von Jörg Drews, erschienen im Diogenes Verlag (und längst vergriffen), nicht besitzt, der muss die etwas renovierte, um ein wichtiges Nachwort des Herausgebers bereicherte Leipziger Variante unbedingt haben. Ich will in die verschiedenen Erscheinungsformen des Zynismus, der eine komplexe Angelegenheit ist, nicht gerade Ordnung bringen, aber einige grundsätzliche Überlegungen sollen schon sein. Sehen wir ab vom Zynismus, der schlagend, aber geistlos dahinvegetiert. Wenn auf dem Kanonenrohr eines amerikanischen Panzers die antike Maxime steht: "Carpe diem", so ist das nicht der Rede wert. Oder vielleicht doch?

Der Taschenbuchumschlagtexter hat formuliert, Das zynische Wörterbuch habe sich ausschließlich der Provokation und Zersetzung verschrieben. Dahinter steckt ein klassischer Irrtum: Zynismus mag "zersetzend" wirken, aber zumindest für den Zyniker (und seine Anhänger) ist er erbaulich. Carpe diem, nütze den Tag! – nicht zuletzt in seiner zynischen Verzerrung spricht der Satz Mut zu; es kann für die, die vom Geschoss getroffen werden, aber auch für die, die schießen, der letzte Tag sein. Mit zynischen Äußerungen putscht man sich gegen die Angst auf, die man vor alledem hat.

Im Übrigen ist der Zynismus keineswegs immer menschenverachtend. Ja, Karl Kraus sagt: "Über das Leben der meisten lässt sich nur sagen, dass sie sehr, sehr lange nicht gestorben sind." Das ist nicht freundlich, selbst wenn man daraus eine Trauer heraushören mag, dass es mit den Menschen so und nicht anders ist. Aber Walter Serners berühmtes Wort "Lust ist der einzige Schwindel, dem ich Dauer wünsche" halte ich für menschenfreundlich. In diesem Zynismus macht der Doppelsinn ein Feuerwerk: Schwindel als Betrug und der Taumel, bei dem einem die Sinne schwinden, werden in Serners Letzter Lockerung mit einem Satz entzündet.

Menschen können eine Ethik ausarbeiten, ohne in der Lage zu sein, ihr (ganz) zu entsprechen. Der Zynismus ist eine der Antworten auf diese Fähigkeit und Unfähigkeit. Die Unterscheidung zwischen "zynisch" und "kynisch" ist dabei sinnvoll, wenngleich man die Grenze nicht klar ziehen kann. Der Kyniker spielt gegen den Ethiker das Kreatürliche aus, und in der beinharten Frage, wessen Erektion zuverlässiger sei, die des Geistesmenschen oder die seines Widerparts, gibt es im Wörterbuch zwei entgegengesetzte Behauptungen. Baudelaire: "Je mehr der Mensch die Künste pflegt, desto weniger steht er ihm… Nur dem tierischen Lümmel steht er gehörig, und das Ficken ist der Lyrismus des Volkes." Dagegen Arno Schmidt: "Intelligenz lähmt, schwächt, hindert?: Ihr werd’t Euch wundern!: Scharf wie ’n Terrier macht se!!" Sicherheit gibt es in dieser Frage nicht, vielleicht die eine, die von einer Frau, von Erika Jenninger stammt. Sie sagt über den Penis: "Nach dem Ficken ist er nutzloser als eine Kunststofftapete in einer Hundehütte."

Es gibt widerwärtige Menschen, die Esprit haben. Geist und Esprit kompensieren die Widerwärtigkeit manch eines Zynikers, der seine Amoral so gelungen in die Auslage stellt, dass er als nützliches Mitglied der Gemeinschaft gehandelt werden kann. Ohne die Mitarbeit einiger dieser Prachtexemplare wäre auch dieses Wörterbuch kaum so gut geraten.