Ein Satz wie ein Fanal: "Der Westen bremst den Osten aus." So hat es Rüdiger Pohl jetzt formuliert, der Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, und so lesen es sicher viele Bürger in den neuen Bundesländern voller Genugtuung. Endlich redet mal einer Tacheles, politisch richtig schön unkorrekt. Wenn sogar die Bundesregierung die Last der Wiedervereinigung als Entschuldigung für ihre wirtschaftlichen Misserfolge bemüht, dann muss ein offenes Wort erlaubt sein.

Selbstverständlich. Und der Ökonomieprofessor Pohl will mehr als nur provozieren. Die griffige These vom "Ausbremsen" klagt nicht die bösen Wessis an, sondern verweist auf einen simplen Zusammenhang: Dem deutschen Osten geht es vor allem deshalb so schlecht, weil es dem ganzen Land nicht gut geht. Die Industrie (vornehmlich aus dem Westen) investiert zu wenig, die Konsumnachfrage steckt bundesweit in der Flaute, die Pleitewelle rollt über alle Gegenden Deutschlands. Die Wirtschaftskrise ist nur insofern ein spezifisch ostdeutsches Problem, als dort mancher immer noch hofft, die Hilfe könne aus dem Westen kommen.

In mancher Hinsicht sieht der Osten sogar relativ gut aus. In diesem Jahr wird das Bruttoinlandsprodukt dort wohl um ein wenig mehr wachsen als im Westen, die Industrieproduktion steht vor einer merklichen Zunahme, die Produktivität steigt weiter, das Pro-Kopf-Einkommen nähert sich langsam dem Westwert. Das alles geschieht auf bescheidenem Niveau, bei gewaltiger Arbeitslosigkeit und Abwanderung junger, ausgebildeter Menschen. Aber immerhin.

Die Frage ist, wie die positiven Ansätze gestärkt werden können. Sicher nicht durch wirtschaftliche Sonderzonen im Osten, durch örtlich begrenzte Verwaltungsvereinfachung, Steuerpräferenzen oder Modellregionen, wie sie neuerdings in ostdeutschen Landeshauptstädten entwickelt werden. Natürlich kommt der Osten in den nächsten Jahren nicht ohne gezielte Maßnahmen der Arbeitsbeschaffung oder eine weitere Verbesserung der Infrastruktur aus. Aber wenn die Bürokratie gekappt werden soll und wenn Unternehmensgründern der Zugang zu Kapital erleichtert werden soll – dann bitte in ganz Deutschland.

Die Zeiten sind vorbei, in denen man glaubte, den Osten modernisieren zu müssen, aber dem Westen seine lieb gewordenen Gewohnheiten belassen zu können. Die ganze Republik braucht einen Schub. Oder anders gesagt: Nur wenn es dem Westen gut geht, kann auch der Osten auf bessere Zeiten hoffen. Insofern hat Rüdiger Pohl ganz Recht.

Klaus-Peter Schmid