Hinter den Kulissen kennt das Auktionsgeschäft wenig Gnade. Vor allem, wenn geschlossene Sammlungen zum Verkauf stehen, versuchen sich die Konkurrenten mit Serviceangeboten und Garantiesummen gegenseitig zu überbieten. Da ist es ungewöhnlich, wenn einmal Schätze ohne Gezerre im Hintergrund auf den Markt kommen – weil eine Kunstliebhaberin testamentarisch verfügt hatte, wer ihren Nachlass versteigern darf. Selbst für das Münchner Auktionshaus Ketterer war es eine Überraschung, als es von den Erben der 2002 im Alter von 77 Jahren verstorbenen süddeutschen Sammlerin Ingeborg Tremmel den Auftrag bekam, 258 Altmeisterzeichnungen des 16. bis 19. Jahrhunderts, 158 im- und expressionistische Arbeiten auf Papier, 102 französische Grafiken des 19. und 20. Jahrhunderts sowie 249 Arbeiten von Käthe Kollwitz zu verkaufen.

Die alleinstehende Sammlerin wurde in den fünfziger und sechziger Jahren vom legendären Frankfurter Antiquariat Ackermann und Sauerwein beraten; mit dem Grandseigneur des deutschen Nachkriegsauktionshandels, Roman N. Ketterer, war sie befreundet. Immer wieder mal hatte sie dessen Haus einzelne Blätter zum Verkauf überlassen. Seit frühester Jugend kannte der jetzige Hausherr Robert Ketterer die Kollektion aus Erzählungen. Doch hatte er nicht damit gerechnet, einmal die Auflösung der seit fast 40 Jahren unpublizierten und niemals öffentlich ausgestellten Sammlung übernehmen zu können.

"Jemand meiner Generation bekommt so etwas kaum je noch zu Gesicht", sagt der knapp über 30-jährige Robert Ketterer. Ingeborg Tremmel sammelte nicht, um sich mit ihren Arbeiten zu umgeben oder zu schmücken. Ihre Motive gründeten wohl eher in einer zunehmend wachsenden Kunstkennerschaft, der Liebe zu ihren Erwerbungen und deren Erhalt. "In ihrem Haus gab es nur so ein paar einfache Glasrahmen," erinnert sich Ketterer, "da tauschte sie ab und an mal etwas aus, aber eigentlich nichts Besonderes." Dafür hatte sie sich einen hölzernen deckenhohen Schubladenschrank anfertigen lassen, in dem sie ihre Schätze in Passepartouts geordnet und lichtgeschützt aufbewahrte.

Bei der Durchsicht der 65 Mappen stießen die Experten auf eine handschriftliche Notiz der Erblasserin, die auf das Versteck der wichtigsten Blätter hinwies: 25 Mappen mit Werken von Käthe Kollwitz, deutschen, englischen, französischen, flämischen und italienischen Zeichnungen aus vier Jahrhunderten lagen hinter der holzverschalten und tapezierten Garderobenwand.

Viele davon kommen aus dem Umkreis bekannter Meister. Von der Hand Adolph von Menzels stammt das Portrait eines jungen Italieners von 1888 (Schätzpreis: 1600 bis 1800 Euro). Johann Georg von Dillis, geboren 1759, ist mit zwei Baumstudien und Landschaften vertreten (400 bis 900 Euro), aus dem 17. Jahrhundert ist eine von Rembrandt inspirierte Schäferin des Niederländers Ferdinand Bol im Angebot (8000 bis 10000 Euro). Vergleichbare Blätter Bols befinden sich in der Sammlung von Schloss Windsor.

Die zurückgezogen lebende Ingeborg Tremmel hatte eine Vorliebe für Barlach, Beckmann, Corinth, Feininger. Und für Kirchner: Dessen Gouache mit Aquarell und Kreide Fränzi, am Wasser liegend , entstanden um 1909/10, ist das teuerste Los der Auktion und auf 80000 bis 120000 Euro taxiert. Die spontan und dynamisch in Gelb, Rot und Grün sowie in schwarzen Konturen gefasste Figur der damals erst zehnjährigen Muse Kirchners ist, wie auch die meisten anderen Werke, von überzeugender Materialfrische und dazu preislich bescheiden angesetzt.

"Jedes Blatt", sagt Robert Ketterer, "wird ohne Limit angeboten. Das könnte auch dem derzeit wie gelähmten deutschen Handel Auftrieb geben." Der Grund für die moderaten Aufrufe der 767 Lose liegt darin, dass keiner der Erben etwas behalten möchte. Die schön aufgemachten vier Kataloge im Schuber und und eine Ausstellungstournee mit den schönsten Blättern durch Deutschland und die Schweiz haben aber das Augenmerk vieler öffentlicher Institute, Händler und Liebhaber geweckt. Das Zusammentreffen von ungewöhnlicher Qualität und moderater Preisgestaltung könnte indes am 5. und 6. Mai in München für Überraschungen sorgen (www.kettererkunst.de).

Allein das Konvolut von fast 250 Zeichnungen, Lithografien, Radierungen und Holzschnitten von Käthe Kollwitz ist umfangreicher als die Bestände der ihr gewidmeten Museen in Berlin und Köln. Vor allem für das Selbstbildnis en face dürften sich die beiden Häuser, aber auch viele Privatsammler interessieren. Die Farblithografie von 1904 könnte 40000 bis 60000 Euro bringen – oder mehr. Ein ähnlicher Erfolg dürfte Emil Noldes Aquarell Diseuse im roten Kleid von 1910/11 (30000 bis 40000 Euro) werden.