Wenn aber eine hegemoniale Macht zugleich mit dem Argument der moralischen Missionierung auftrat, hatten die unterlegenen Parteien nach wie vor ihren Tribut an das vorgeblich höhere, scheinbar besser legitimierte Prinzip zu zollen. Auf dieser weltanschaulichen Grundlage veranstaltete der nationalsozialistische Staat, vorneweg der "Einsatzstab Rosenberg", im Zweiten Weltkrieg den größten Kunstraub aller Zeiten, der nach zwei Generationen noch immer virulent ist.

Der Rückblick in die Geschichte zeigt, wie gleichgültig einem siegreichen Heer die Bibliotheken, Museen und Kunstschätze einer besiegten Nation sind. Geraubt mit einer höheren Moral im Rücken, werden sie den kriminellen und kommerziellen Energien auf dem ganzen Globus ausgeliefert.

Martin Warnke lehrt Kunstgeschichte an der Universität Hamburg und ist Leiter der Forschungsstelle für Politische Ikonographie im Hamburger Warburg-Haus