Der Schattenmann

Berlin

Die deutsche Linke hat sicher mehr als nur ein Problem, aber dies dürfte ihr größtes sein: "Sie hat keinen richtigen Kopf." Das sagt einer, der zwar inzwischen eigenes Profil gezeigt hat, nämlich der saarländische SPD-Vorsitzende und Oppositionsführer Heiko Maas. Aber der "richtige Kopf" der Linken kann der 36 Jahre alte gelernte Jurist natürlich nicht sein. Zu jung, zu wenig sichtbar außerhalb der Landesgrenzen und vor allem, genau genommen, gar nicht so links, wie er selbst sagt. Nicht, dass er sich damit irgendwie entschuldigen wollte. Links zu sein ist ja keine Schande, oder? Aber erstens ist er bescheiden, und zweitens will er im Saarland im nächsten Jahr Ministerpräsident werden. Und Wahlen gewinnt man auch dort in der "Mitte".

Ottmar Schreiner andererseits, der sogar schon einmal Bundesgeschäftsführer der SPD war, woran sich aber die wenigsten erinnern, illustriert das Problem auf andere Weise. Mit 57 Jahren ist der altgediente Linke mit dem ewig traurigen Gesicht zwar nicht zu jung, und zurzeit wird er von aller Welt als "der Prominenteste" unter den Betreibern des SPD-internen Mitgliederbegehrens bezeichnet. Aber das besagt nicht viel. Ein Volkstribun, der außerhalb einer überschaubaren SPD- oder Gewerkschaftsversammlung die Gemüter bewegt, ist Schreiner nicht. Und die sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen, kurz AfA, deren Vorsitzender er ist, hat auch nicht das Zeug zum linken Stoßtrupp für einen neuen Aufbruch der Entrechteten und Beleidigten. In den siebziger Jahren von der SPD-Führung als basisnahe Leibgarde zum Schutz der SPD-Regierungsriege gegen die Jungsozialisten aus der lästigen 68er-Generation ins Leben gerufen, hat die AfA, als dieser Gegner allmählich in die Jahre und in diverse Ämter kam, ihre ursprüngliche Bedeutung verloren. Eine neue wurde nicht gefunden. Wozu der Verein noch gut ist, weiß keiner. Doch ihn aufzulösen ist schwierig. Denn das wäre, für wen auch immer, "das falsche Signal".

Schließlich Leute wie Gernot Erler, 58, oder Michael Müller, 54, die Sprecher der etablierten Parlamentslinken (PL). Sie sind in dieser Rolle unangefochten, solange Andrea Nahles, 32, auf der Landesliste von Rheinland-Pfalz warten muss, bis einer ihrer Landsleute aus dem Bundestag ausscheidet, sodass sie nachrücken kann. Das blüht der PL Mitte 2004, falls Rudolf Scharping tatsächlich ins Europaparlament wechselt. Linke sind Erler und Müller allemal, aber vor allem Parlamentarier, keine Leute der "Bewegung", Diskutierer, keine Marschierer, Verhandler, keine Volksredner. So kriegen sie den Bundeskanzler hin und wieder dazu, einmal weniger "Basta!" zu sagen. Das freut sie. Die Massen bewegt man auf diese Weise nicht.

So einer fehlt also, ein Massenbeweger. Ein Kopf, der drinnen wie draußen wirkt, ein Denker und Redner, der zuhört und überzeugt, einer mit Prinzipien und einer Vision. Wenn linke Sozialdemokraten davon reden, fallen natürlich – Verklärung inklusive – die Namen Brandt, auch Schmidt, sogar Wehner. Internationalisten nennen González oder Palme, romantische Alt-68er mögen sich sogar an John F. Kennedy erinnern, den Amerikaner, der – vor Vietnam – auch jungen Linken gefiel.

Schließlich kommen aber alle – nicht nur Linke – auf den einen, der das Vakuum vielleicht füllen könnte, den einzig wirklich erfolgreichen Populisten dieser Republik, den Linken, der eine wichtige Wahl zwar grandios verlor, danach aber die SPD als Vorsitzender zurück an die Macht geführt und damit alle Konkurrenten aus seiner Generation bis dahin an politischer Wirksamkeit übertroffen hat: Oskar Lafontaine.

Oskar, der Schattenmann, die linke Stimme aus dem Off. Die taz nannte ihn neulich den "Großen Verschwundenen". Aber stimmt das: verschwunden? Für ein Phantom ist Lafontaine doch recht häufig zu sehen und zu hören. Eben war er auf der österlichen Friedenskundgebung in Frankfurt am Main deutlich zu vernehmen, wo er vor dem "Rückmarsch ins 19. Jahrhundert" warnte. Im vergangenen Jahr zelebrierte er die Präsentation seines bisher letzten Abrechnungsbuches mit Gerhard Schröder ( Die Wut wächst ) in mehreren Städten, begleitet von Reportern und Interviewern, in diesem Fall nicht nur aus dem Springer-Verlag. Wöchentlich schreibt er seine Kolumne in der Bild- Zeitung, zurzeit hauptsächlich gegen Amerikas diverse Übergriffe in aller Welt und gegen die Politik der Regierung Schröder, Seit’ an Seit’ mit seinem rechten Kameraden Peter Gauweiler, mit dem er – nicht immer, aber immer öfter – ähnlicher Meinung ist. Er will Heiko Maas im Wahlkampf an der Saar helfen, was dieser ausdrücklich nicht als Drohung versteht; eher als einen Versuch der Wiedergutmachung. Obendrein überlegt Lafontaine nun, nach eigener Aussage, am Sonderparteitag der SPD in Berlin teilzunehmen: Das wäre dann ein politischer Mega-Event, ein Quotenbringer um alte Rechnungen, frustrierten Ehrgeiz und verletzten Stolz, reif fürs Privatfernsehen: The Battle.

Oder steckt doch mehr hinter Lafontaines kleinen Rückkehren und seinem möglichen großen Auftritt? Wäre Lafontaine, vier Jahre nach seiner kopflosen Flucht aus der Bundespolitik, vielleicht doch der Mann, den die Linke für ihren Widerstand gegen den rot-grünen Neoliberalismus light braucht? Der Mann, der Arm in Arm mit den Gewerkschaften und den Globalisierungsgegnern von Attac Schröder in die Schranken weist – genauer gesagt: stürzt – und so den Sozialstaat samt der Seele der Sozialdemokratie rettet? Er galt als das größte politische Talent der SPD in der Generation nach der legendären Troika Brandt/Wehner/Schmidt, als der beste Redner, der klügste Debattierer, temperamentvoll bis zur Demagogie. Lafontaines Auftritte vor seiner Fangemeinde waren seit seiner Zeit als Oberbürgermeister von Saarbrücken zwei Jahrzehnte lang stets eine besondere Lektion in Masse und Macht, faszinierend und unheimlich zugleich. Erst heute hat sich für seine Art der Vereinfachung der kritische Begriff Populismus eingebürgert.

Der Schattenmann

Lange Zeit war unstrittig, dass in der SPD niemand außer Lafontaine das Zeug hätte, in Deutschland eine linksökologische, demokratische Mehrheit zu organisieren. Engholm, Scharping, Schröder? Keinem hat man das wirklich zugetraut; und Schröder als Kandidat für die neue deutsche Welle der "Innovation" konnte Kanzler nur werden, weil Lafontaines populistischer Wahlkampf für die alte bundesdeutsche "Gerechtigkeit" die Stammwählerschaft gesichert hatte. Doch als der Kanzler danach auf dem gemeinsamen Erfolg eine andere Politik aufbauen wollte, sprach der Parteivorsitzende und Finanzminister von Wortbruch und Verrat, schmiss seine Ämter hin und verschwand. Ein Kurzschluss, wie man ihn selten erlebt im Milieu der Staatsführung – eine einmalige Mischung aus Tragik und Kinderei.

Dieser Bruch vom März 1999 war der Beginn einer hässlichen Feindschaft. Sie wirkt unverändert, womöglich sogar grimmiger als am Anfang. Lafontaines politische Kritik an Schröder folgt einem sich rituell wiederholenden Muster: Sie ist in Details häufig nachvollziehbar, bündelt überprüfbare Fakten, zitiert fachliche Autoritäten und mündet meistens im Vorwurf des Wahlbetrugs, der Prinzipienlosigkeit und der Kapitulation vor dem Neoliberalismus. Das Ganze ist derart theatralisch, dass man durchaus von Hass und Rache als erkennbaren Grundmotiven sprechen kann. Hier geht es um Abrechnung. "Oskar will Schröder scheitern sehen", sagt einer, der Lafontaine kennt. Vorher findet er keine Ruhe.

Ist das die neue Leitfigur der Linken? Der Herausforderer der SPD? Man würde der Kanzlerpartei durchaus jemanden wünschen, der sie zu größerer programmatischer Anstrengung zwingt. Der dem Kanzler eine seriöse Debatte darüber anbietet, dass seine Aufgabenliste mit dem klingenden Namen Agenda 2010 vielleicht eine Arbeitsliste für 2003, aber kein Zukunftsprogramm für zwei Legislaturperioden ist, eine Liste, die für sich allein keinen Aufschwung bewirken kann und vor allem politisch niemanden fasziniert. Doch Lafontaine will offenkundig keine Debatte führen. Sein erstes Ziel ist Schröder, dann erst dessen Politik. So wird man gewiss zum viel beachteten Kolumnisten und gern eingeladenen Volksredner. Damit lässt sich gut tingeln in dieser Zeit. Doch verzichtet der Kanzlerkandidat des Jahres 1990, der damals fast einem Attentat zum Opfer gefallen wäre und zugleich Schröder zu dessen erstem Wahlsieg in Niedersachsen verholfen hatte, bewusst darauf, trotz manch guter Argumente ernst genommen zu werden.

In diesem Jahr wird Lafontaine 60. Von Talentverschwendung kann man da nicht mehr reden. Die Linke aber wird kopflos bleiben. "Oskar" ist nur noch ein Schatten.

Reif fürs Privatfernsehen:

Lafontaine überlegt, ob er am Sonderparteitag der SPD teilnimmt. Das wäre ein Mega-Event, ein Quotenbringer um alte Rechnungen, frustrierten Ehrgeiz und verletzten Stolz