Ausgerechnet eine Kreditkartenfirma hat jetzt eine raffinierte Strategie gegen das Elend in der Dritten Welt ausgeheckt: Die Firma Visa wirbt in ganzseitigen Anzeigen mit einem fröhlichen Kindergesicht für "die erste Kreditkarte, die nicht nur Sie zum Lächeln bringt". Bei jedem Einkauf mit der "Unicef Friendship Karte" würden dem UN-Kinderhilfswerk "wertvolle PAYBACK Punkte" gutgeschrieben. So wird auch beim dekadentesten Kaufrausch das Gewissen vollautomatisch beruhigt. Prassen für die Hungernden? Der Ethikrat geht shoppen.

Die berühmte Bienenfabel des gebürtigen Holländers und späteren Engländers Bernard Mandeville trägt den paradox anmutenden Untertitel Private Laster, öffentliche Wohlfahrt. Mandeville wollte nicht jedes Laster gutheißen, das sich materiell gewinnbringend für eine Gesellschaft auswirkte. Er dachte nicht unbedingt an Steuern aus der Prostitution, mit denen dann Kindergärten finanziert werden könnten. Laster, die gegen geltende Gesetze verstießen, wollte er geächtet wissen, aber harmloser Egoismus war ihm als Quelle öffentlicher Wohlfahrt willkommen. Nach fast dreihundert Jahren ist dieser Gedanke ungebrochen aktuell. Die Unicef-Friendship-Kreditkarte verheißt privaten Konsum und öffentliche Wohlfahrt, dazu noch in der Dritten Welt. Je teurer, luxuriöser, egoistischer ein Einkauf, desto wertvoller ist er auch in moralischer Hinsicht. Eine glänzende Werbeidee: Mit gutem Gewissen sündigen, eine doppelte Freude.

Nun gibt es zwar bereits Konsum- und Vergnügungssteuern, doch niemand zahlt gern Steuern. Mit der Unicef-Friendship-Karte zahlen wir gern und tun Gutes. Oder etwa nicht?

Auf den ersten Blick kann man nur "Jaaa" sagen. Schließlich lassen sich mit dieser Karte nicht nur Luxusgüter bezahlen, sondern auch Dinge wie Lebensmittel oder Wäsche. Und was spricht überhaupt gegen die Payback-Punkte aus dem Kauf von Luxusgütern? Nicht für alle Luxusgüter müssen wertvolle Rohstoffe vergeudet werden. (Nein?) Umweltschäden entstehen bei der Herstellung teurer Uhren, schöner Ledertaschen oder weicher Kaschmirpullover doch kaum. (Nein?) Außerdem spielt es doch keine Rolle, ob nun ich den wunderschönen Füllfederhalter kaufe oder jemand anders. (Na ja.) Unicef hätte in jedem Fall etwas davon, und noch viel mehr, wenn ich den rassigen Jaguar kaufen würde. Die Neider, derentwegen ich diese Wildkatze gern hätte, könnte ich dann mit besorgter Miene über mein eigentliches Motiv, mein Engagement für Unicef, aufklären und beschämt stehen lassen. Warum sollte ich auf Luxus verzichten angesichts der guten Taten für die Dritte Welt?

Wenn es um Luxus und Konsum geht, meldet sich bei manchem das schlechte Gewissen. Warum nicht gleich das, was der Jaguar kostet, der Unicef stiften? Das wäre wohl übertrieben, außerdem geht es gar nicht um den Jaguar. Es geht um mein Bewusstsein – wie ich mir darüber klar werde, welcher Konsum angesichts von Not und Elend maßvoll und verantwortbar ist. Heroischer Konsumverzicht kann Not und Elend nicht lindern. Wenn ich aber weiß, dass ich mit meinem Konsum etwas bewirke, was ich zwar nicht beabsichtige, was aber durch seine schiere Maßlosigkeit diejenigen, die in Not sind, verletzt, beginne ich nachzudenken. Dann können mich auch Payback-Punkte nicht darüber trösten, dass mein Egoismus unverantwortlich ist. Konsum kann schamlos, obszön sein, wenn sich darin ein Desinteresse an der Not der Mitmenschen zeigt.

Es wäre schlecht, wenn die Payback-Punkte das Bewusstsein für das rechte Maß trüben würden, bloß weil ein Krümel für die Elenden vom Tisch fällt. Meine Lust beim Zahlen mit der Unicef-Karte macht keinen Hungernden froh und bringt kein Kindergesicht zum Lächeln, wie es die Werbung suggeriert. Wenn ich das bedenke, werde ich nicht alles haben wollen. Den Rest kaufe ich mir, ohne der Lust der Selbstgerechtigkeit zu verfallen.
WILHELM VOSSENKUHL