Ich habe im Grunde nichts gegen extrem gut aussehende Menschen. Sie sind eine Minderheit, gewiss, doch ich diskriminiere sie nicht. Sie sind privilegiert. Dafür können sie nichts. Im Restaurant oder in der Bahn setze ich mich ohne Ressentiment neben sie und behandele sie höflich. Extrem gut aussehende Menschen sollen, wenn es nach mir geht, auch in Zukunft die vollen Bürgerrechte haben. Sie sehen anders aus als wir, das stimmt, ansonsten aber sind sie ganz normale Leute. Wenn mein eigener Sohn eines Tages zu mir käme mit den Worten: "Ich hege die Absicht, mit einem extrem gut aussehenden Menschen zusammenzuziehen, wir lieben einander", dann würde ich ihn nicht vom Hof jagen und enterben, nein, ich würde sagen: "Okay. Prima. Warum nicht."

Trotzdem habe ich eine Jazz-CD nur aus dem einzigen Grunde nicht gekauft, dass sie von einer extrem gut aussehenden Frau stammt. Es war die CD von Norah Jones. Ich habe die Kritiken gelesen. Wahrscheinlich mag ich die Musik von Norah Jones. Aber dann habe ich im Plattenladen das Foto auf der CD-Hülle gesehen und als Erstes gedacht: "Wenn eine Frau, die so aussieht, auch noch singen und komponieren könnte, dann wäre das eine unwahrscheinliche Mehrfachhöchstbegabung." Als Zweites habe ich gedacht: "Wenn ihre Musik wirklich gut ist, wozu braucht sie das Foto auf der CD-Hülle?" Als Drittes habe ich gedacht: "Wenn ich mit dieser CD zur Kasse gehe, werden sie im Plattengeschäft denken, dass ich mir die Musik nach dem Covergirl auf der Hülle aussuche. Sie werden mich nicht als den unbestechlichen Experten und Alleskenner respektieren, der ich bin. Stattdessen werden sie sich falsche und abwertende Gedanken über mich machen."

Aus dem gleichen Grund wollte ich mir auch den Roman von Zadie Smith nicht kaufen. Shows, die mit den Fotos ihrer extrem gut aussehenden Moderatoren werben, schaue ich mir grundsätzlich nicht an.

Ich boykottiere Gutaussehendenprodukte. Wenn im Käseregal auf der Camembertschachtel ein Foto der wohlproportionierten, milchblonden Käserin drauf ist, dann greife ich zur Konkurrenz, auch wenn der andere Camembert teurer ist und womöglich von einem echsenschuppigen Quasimodokäser stammt. Um ein Zeichen zu setzen, kaufe ich ausnahmslos Literatur, die von schlaffwangigen Männern hergestellt wird, denen Haare aus der Nase wachsen, oder von raubvogelartigen Damen mit Dutt. Manchmal erkennt man auf dem Coverfoto Eidotter auf dem Jackett, oder sie haben Essensreste zwischen den Zähnen. Nicht alle Bücher, die dieser Personenkreis verfasst, sind gut. Aber darum geht es nicht.

Es ist eine Frage der Selbstachtung. Die Extremgutaussehenden haben genug Vorteile. Buch-, Platten- und Moderatorenverträge werden ihnen nachgetragen, sie haben Sex, so oft und mit wem sie wollen. Oft suchen sie sich alte, mächtige Lebenspartner, welche sie manipulieren und anschließend beerben. Im Grunde haben die Extremgutaussehenden alles in der Hand, sie kontrollieren das Land.

Wenn aber eines Tages Normalaussehende Rotten mit Fackeln zu den Villen der Extremgutaussehenden ziehen, wenn sie fordern, Extremgutaussehende aus den öffentlichen Ämtern zu entfernen, und Sonderaussehenden-Sonderparagrafen einführen, dann werde ich sagen: Halt! Dann werde ich mit zu den Ersten gehören, die sich schützend vor die Gutaussehenden stellen. Denn ich diskriminiere sie nicht. Ich spreche lediglich unbequeme Wahrheiten aus.