Jäh durchbrach der Ernst des Lebens die Idylle des Kindergartens. Erwachsene Wörter warfen fremde Schatten auf Schaukelpferde und Plastikautos – Diebstahl, Verdacht, Lüge, Verleumdung. Ein Portemonnaie ist weg. Es war rot, enthielt 153 Euro und gehörte der Oma von Tobias. Sie hatte es im Umkleideraum vergessen, als sie dort 2 Euro für das Frühlingsfest ins Sparschwein steckte. Danach war sie in den Garten gegangen, wo sie ihrem Enkel beim Fußballspielen zuguckte. Als sie den Verlust bemerkte und nachsah, war das Portemonnaie nicht mehr da.

Am nächsten Tag führten die Erzieherinnen eine Gruppenbefragung durch. Kein Kind wusste was, nur der fünfjährige Benjamin Meyer, ein lebhafter, offenherziger Junge, meldete sich. Er habe gesehen, wie die Oma von Tobias das Portemonnaie liegen ließ. Er nahm es und rannte ihr hinterher, aber sie war schon weg, da tat er es wieder ins Regal. Später, sagte er, ist eine fremde Frau gekommen, die hat das Portemonnaie eingesteckt und hat zu ihm gesagt, er soll niemandem was davon erzählen.

Daraus nun fertigten die Kindergartentanten, gemeinsam mit der Oma von Tobias, ein psychosoziales Konstrukt. Benjamin habe doch öfter mal erwähnt, dass seine Eltern dies und das nicht kaufen könnten, weil sie nicht so viel Geld hätten. Das Kind, so die Vermutung, wollte seiner Mutter, die ein Baby erwartete, finanziell aushelfen. Für die Kita-Crew stand fest, dass der Junge das Portemonnaie genommen und es seiner Mutter gegeben hatte. Sie war "die fremde Frau", die dem Kleinen befahl, zu schweigen – der Grundkurs in Psychologie fand praktische Anwendung. Die Oma von Tobias erstattete Anzeige gegen die Mutter von Benjamin.

Die Erzieherinnen fielen über mich her, berichtet Anja Meyer, die Angeklagte. Warum ich meinen Sohn zum Klauen anhalte, fragten sie mich in Gegenwart aller Kinder. Frau Meyer, eine junge Frau mit derbem Gesicht, das sich im Profil überraschend zum Hübschen hin wendet, schildert die Ereignisse mit munterer Detailfreudigkeit. Sie und ihr Lebensgefährte würden ihre Kinder zwar zur Bescheidenheit erziehen, aber nicht im Mangel – darauf besteht die "Technikerin für Bekleidungskonstruktion".

Als Zeugin hat sie ihre Schwiegermutter mitgebracht, die enthusiastisch die Ehre der Familie verteidigt: Hast du Mutti die Geldbörse gegeben?, habe ich meinen Enkel gefragt, und Benjamin hat nein gesagt. Meine Schwiegertochter ist eine sehr gute Mutter, die ihrem Kind nicht antun würde, dass es für sie lügen müsste, schwört sie und fügt energisch hinzu: Ich habe Menschenkenntnis, ich war lange Jahre Personalchefin einer großen Firma.

In diesem Prozess spielen die Großmütter eine eindrucksvolle Rolle, resolute Frauen um die 60, in farbenfrohen Jacketts, businessgewohnt und gewandt. Siegesgewiss ziehen sie in den Konkurrenzkampf um die beste Menschenkenntnis.

Auch die Geschädigte, Frau Grosse, die Oma von Tobias, reklamiert für sich eine außergewöhnliche Kenntnis der menschlichen Natur: Ich war 40 Jahre Lehrerin, ich habe meine Erfahrungen. – Ich habe auch meine Erfahrungen, unterbricht die Richterin sie unwirsch. Sie kann sich, wer verstünde das nicht, von dem Fall noch kein klares Bild machen, die Verhandlung wird fortgesetzt.