Ein Rundgang an der Ecke East McLemore Avenue und College Street. Neben der Straße sind Schotterzonen, in denen schüttere Unkrautbüschel wuchern. Leicht nach hinten versetzt: ein leer stehender Schnaps-Kiosk mit der Aufschrift, dass Betrunkene sofort der Polizei übergeben werden. Daneben ein ausgebranntes Wohnhaus, dessen leere Fensterhöhlen mit Holzplanken zugenagelt wurden. Eine blau gestrichene Wellblechhütte trägt die stolze Aufschrift "Beauty Parlor". Und vor dem schäbigen Supermarkt mit vergitterten Sichtluken lungern schwarze Kriegsveteranen, die jedem Kunden ihre Wehrdienstausweise entgegenstrecken und um ein Almosen betteln.

Das fast ausschließlich von Afroamerikanern bewohnte Viertel mit dem glamourösen Namen Soulsville U.S.A. ist eine der elendsten Gegenden von Memphis/Tennessee. Städtische Statistiken besagen, dass das Jahreseinkommen im Umkreis von einer Meile bei 12652 Dollar liegt – weit unter dem Durchschnitt im restlichen Amerika. 70 Prozent der Haushalte werden von einer Alleinerziehenden gemanagt, 31 Prozent verfügen über kein eigenes Auto – eine Katastrophe im weitläufigen Memphis mit seinen endlosen Interstates und Boulevards. Die Dritte Welt im Herzen der mächtigsten Nation der Welt.

Doch jetzt soll alles anders werden: An der Adresse 926 East McLemore steht seit kurzem eine detailgenaue Kopie jenes Capitol-Filmtheaters, in dem in den sechziger und siebziger Jahren die Studios der legendären Soul-Plattenfirma Stax untergebracht waren. Und gleich daneben prunkt ein Neubau: die Stax Music Academy, deren kühn nach vorn gewölbte Front an den Kühlergrill eines Trucks erinnert. Die Wüste lebt: 28 Jahre nach dem Konkurs des Unternehmens Stax, 14 Jahre nach dem Abriss des Originalgebäudes entsteht ein architektonischer Komplex, der Ausbildungsmöglichkeiten für Jugendliche und ein Museum der großen Soul-Ära beherberg. Ein Geschichtsspeicher, der gleichzeitig Zukunftselan verbreiten soll. Ein Denkmal für Rhythm-and-Blues-Helden wie Otis Redding, Sam + Dave, Eddy Floyd, Isaac Hayes, Johnnie Taylor und William Bell, die alle Platten für Stax aufgenommen haben, und ein Sprungbrett für unterprivilegierte Teenager – so genannte at risk kids. Noch in diesem Frühjahr wird das Projekt der Öffentlichkeit übergeben.

"Als wir im Jahr 2000 den Grundstein legten", sagt Deanie Parker, "begannen die Einwohner und Besitzer der kleinen Geschäfte in der Umgebung ihre Häuser zu streichen und Schäden zu beheben. Ich sehe jeden Tag positive Veränderungen. Wenn man Leuten, die nichts haben und immer übersehen wurden, signalisiert, dass sich etwas ändern wird, dann bedeutet das für sie: Wir sind jemand. Wir leben in einer bedeutenden Gegend."

Die kleine Frau mit dem Helmbusch weißer Haare und einer betont gewählten Artikulation ist der Dynamo des Wiederaufbauprojektes Soulsville. Sie sei die Nummer zwei auf der Gehaltsliste gewesen, erzählt sie stolz, als das weiße Geschwisterpaar Jim Stewart und Estelle Axton Ende der fünfziger Jahre die Plattenfirma Stax gründete, und sie habe bis zum bitteren Ende 1975 durchgedient. Erst eher erfolglos als Sängerin und Autorin, später dann im Presse- und Marketing-Bereich. So wie viele andere Memphians registrierte sie mit steigendem Ärger, dass die Stadt am Mississippi nicht daran dachte, ihrer großen afroamerikanischen Musik-Historie in Würde zu gedenken. "Auf der ganzen Welt wird die Soul-Musik, die hier entstanden ist, anerkannt und gefeiert", meint Isaac Hayes, der als Produzent und Sänger zu den Gründervätern des Soul aus dem Süden zählt. "Nur Memphis hat diese Tradition bislang ignoriert. Man wollte einfach nicht wahrhaben, dass im eigenen Hintergarten ein Schatz vergraben ist." Mit der Realisierung des Soulsville-Projektes erfolgt jetzt endlich die späte offizielle Anerkennung. Eine unwahrscheinliche Regenbogenkoalition aus Stax-Veteranen und großen Unternehmen, aus demokratischen und republikanischen Politikern, aus Rathaus-Mandataren und Kirchen-Funktionären brachte jene 20 Millionen Dollar auf, die notwendig waren, um den Bau durchzuführen und eine schulische und museale Infrastruktur zu finanzieren. Nach zögerlichem Beginn baute sich über mehrere Jahre Charity- und Fundraising-Arbeit die Begeisterung für das Mahnmahl afroamerikanischen Stolzes wie eine Welle auf.

Denn Stax war nicht irgendeines der unzähligen Blues-, Rockabilly- und Soul-Label, die im Süden der USA gediehen, sondern der große Herausforderer von Motown aus Detroit. Doch während man an den Ufern des Lake Erie mit Ensembles wie den Supremes wimpernklimpernden Varieté-Plüsch mit dickem Make-up inszenierte und die Songs für den weißen Teenager-Markt polierte, ging es in Memphis deutlich erdiger zu. Der klassische Stax-Sound, der auf 800 Singles und 300 LPs verewigt wurde, wirkt im Gegensatz zum chromblitzenden, farbenprallen Klang-Design von Motown wie ein drag car: alle ornamentalen Bauteile entfernt, das akustische Chassis bloßgelegt, der Sound auf’s Wesentliche reduziert. Meist lieferte die Stax-Hausband Booker T. and the MG’s einen sinnlich schleppenden Backbeat, an dem der Schmutz des Mississippi-Deltas zu kleben schien. Dann stiegen die Memphis Horns mit knappen Bläserkürzeln ein, interpunktierten die Lieder wie Gospelchöre. Und darüber zelebrierten die verschiedenen Sänger ihre Eigenheiten und Manierismen: Otis Redding, der Country-Boy aus Macon/Georgia, klang heiser und verschwitzt wie ein Mann im blauen Arbeitsoverall, Sam Moore von Sam + Dave ließ seine Stimme im höchsten Falsett explodieren. Und Isaac Hayes, der 1971 für die Filmmusik zu Shaft als erster Afroamerikaner einen Grammy gewann, kultivierte sinnliche Bass-Litaneien, die sich wie ein dunkles Parfüm auf die Bettlaken aller einsamen Frauen dieser Welt niedersenkten.

In der goldenen Epoche von 1960 bis 1975 definierte Stax das akustische Profil des Southern Soul. Andere Firmen aus Memphis wie Goldwax oder Hi Records entwickelten diesen Sound weiter, doch niemand konnte eine vergleichbare Erfolgsbilanz vorlegen. Unverwechselbar war das Stax-Klangamalgam vor allem durch die Zusammenarbeit von weißen und schwarzen Musikern, Songwritern und Arrangeuren. Dies ist umso bemerkenswerter, als in der Handelsmetropole am Mississippi 1968 am Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung Martin Luther King ermordet wurde. Das traumatische Ereignis und das bittere Erbe von Rassentrennung und "Jim Crow"-Gesetzgebung, die die afroamerikanischen Baumwollpflücker und Hafenarbeiter zu einer Art Neosklaverei verurteilte, wirken bis heute nach. "Das Wort Nigger lebt und atmet in Memphis", meint der Feuilletonist Robert Gordon, der vor allem in den kulturellen Seitengassen und toten Winkeln der offiziellen Musikgeschichte recherchiert. "Ja, mehr noch: Auf diesem Begriff wurde die Stadt aufgebaut. Der Rock ’n’ Roll und der Soul waren eine Antwort auf das N-Wort. Sie lehnten die Idee einer verordneten Segregation ab und machten sich zum Advokaten für kulturelle und musikalische Mischungen."