In den kommenden zwölf Monaten wird sich entscheiden, ob Angela Merkel die erste Bundeskanzlerin wird. Dass der Druck steigt, war ihr anzusehen, als sie in den vergangenen Wochen am Rednerpult stand und versuchte, Gerhard Schröder vorzuführen: den Kopf eingezogen, die Schultern vorgeschoben und mit den Fäusten durch die Luft boxend, als ginge es um einen Nahkampfeinsatz in der ersten Reihe.

Der Ausflug in die Irak-Politik ist ihr nicht bekommen. Die Idee, sich genau in dem Moment bei den Amerikanern lieb Kind zu machen, als Schröder isoliert schien, wirkte wie plattes Kalkül und wurde übel genommen. In der März-Umfrage der ARD war sie die Verliererin des Monats – mit einem Minus von 20 Prozentpunkten gegenüber dem Vormonat. Einen solchen Einbruch hatte es bisher noch nicht gegeben.

Es geht zur Sache, Schätzchen. Zwar gibt es Parteifreunde, die von ihrem unverblümten Führungsanspruch so beeindruckt sind, dass sie ihren Aufstieg ins Kanzleramt für unausweichlich halten, so wie Peter Hintze, ein erfahrener CDU-Parlamentarier, der bekennt: "Ich habe in meinem 30-jährigen Politikerleben nur drei Politiker erlebt, die ähnlich energiegeladen auf das Kanzleramt zusteuerten: Kohl, Schröder und Merkel."

Doch es gibt auch andere, die immer noch mit dem Gedanken spielen, sie als Nachfolgerin von Johannes Rau ins Amt des Bundespräsidenten zu verabschieden, "damit das Gelände frei wird". Frau Merkel als einzige Bewerberin der Union um das Amt des Kanzlerkandidaten ist ihnen zu wenig. Als Vorlage dient die Erinnerung an die Entmachtung der widerspenstigen Rita Süssmuth, die von Helmut Kohl auf den Stuhl des Bundestagspräsidenten abgeschoben wurde, als sie seine Kreise störte. Aber wer sollte Angela Merkel, die Parteichefin, jetzt noch schieben können? Nachdem sie den Fraktionsvorsitz erobert hat, ist ihr Herrschaftsbereich arrondiert; das Eis, auf dem sie sich bewegt, ist tragfähiger geworden, der nächste logische Schritt ist die Kanzlerkandidatur. Das steht für alle diejenigen fest, die jetzt schon von der "ungeheuren, sensationellen, unerschöpflichen Energie" erschlagen sind, mit der die 47-jährige Physikerin aus Templin in der Uckermark sich ihren Weg nach oben bahnt.

Frotzeln mit Glos – "Sie lässt die Männer Männer sein"

Das soll so klingen, als wäre ihr Erfolg bei der nächsten Kanzlerkandidatur programmiert, als kämen Partei und Fraktion um Angela Merkel gar nicht mehr herum. Aber die interne Meinungsbildung ist längst nicht abgeschlossen. Noch sitzen die Parteifreunde auf den Zäunen, schätzen die Lage ab, taxieren Kräfteverhältnisse und die Leistung der Chefin. Wenn die CDU eine überzeugende Entscheidung treffen will und es ihr darauf ankommt, die oder den Richtigen für die Bundestagswahl 2006 aufzustellen, haben die Christdemokraten noch eine Menge zu bedenken. Mit dem kalten Basiliskenblick der Konservativen für die Realitäten werden sie sich fragen müssen: Hat Angela Merkel für ihren Ehrgeiz die richtige Größe? Hat sie nicht nur Power, sondern auch Format? Was hat sie persönlich und sachlich zu bieten?

Die Frage, ob die CDU eine Frau als Kanzler ertragen könnte, spielt in den Gesprächen über die Parteichefin kaum noch eine Rolle. "Es ist kein Reizthema mehr", beteuert auch Karl Feldmeyer, langjähriger Berichterstatter der FAZ, "es gibt nicht mal mehr Frauenwitze." Die Art und Weise, wie sie ihre Gegner abserviert, macht manchen Männern zwar Angst, aber Merkel ist als weibliches Alphatier akzeptiert, auch wenn das eigentlich nicht ins männliche Führungsschema passt. Als Pluspunkt und "als Wert an sich" wird immer wieder hervorgehoben, dass sie nicht eitel ist: "Sie lässt die Männer Männer sein" – und die Machos Machos, zum Beispiel Michael Glos, ihren Stellvertreter im Fraktionsvorsitz von CDU und CSU, mit dem sie gut frotzeln kann und auf dessen Ratschläge sie hört.

Außer Friedrich Merz, der seinen unauslöschlichen Gram pflegt, seit die Parteichefin ihn vom Fraktionsvorsitz verdrängte, möchte ihr gegenwärtig niemand in die Quere kommen. Das wird Roland Koch überlassen, ihrem zweiten erklärten "Feind", der im Bundesrat rudert und seine Zeit abwartet. Sei es aus Vorsicht, sei es aus Einsicht, der weibliche Faktor ist nicht das Gesprächsthema, wenn es um Angela Merkels Karriereziel geht. Das größere psychologische Hindernis scheint vielmehr ihre Herkunft aus dem Osten zu sein.