Verkehrte Schurkenstaaten-Welt. Im Irak, der gewaltsam abgerüstet werden sollte, werden die Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins von den Amerikanern bis heute verzweifelt gesucht. In Nordkorea, das friedlich abgerüstet werden soll, prahlt und provoziert Kim Jong Il mit seinem Plutonium und seinen Raketen, als könne er den Krieg nicht abwarten.

Noch am Freitag der vergangenen Woche rühmte sich das Regime in Pjöngjang, mit der "erfolgreichen Wiederaufbereitung" von 8000 abgebrannten Kernbrennstäben begonnen zu haben – und hätte damit fast die für diese Woche in Peking geplanten Gespräche mit Amerikanern und Chinesen torpediert. Ein Test auf die Nervenstärke der Regierung Bush oder doch nur ein Übersetzungsfehler? Am Montag hieß es in einer revidierten englischsprachigen Erklärung, Nordkorea "bereitet die Wiederaufbereitung erfolgreich vor". Keine ganz unwichtige, aber auch keine wirklich beruhigende Nuance.

Kim Jong Il spielt mit dem Atomfeuer. Und dass ihn der rasche Erfolg der Amerikaner im Irak zur Vernunft bringen wird, ist nicht mehr als eine schöne Hoffnung. Offiziell jedenfalls heißt es in Pjöngjang, der Feldzug gegen Saddam Hussein habe gezeigt, "die Sicherheit eines Landes und die Souveränität einer Nation" ließen sich nur durch "machtvolle physische Abschreckungskraft" verteidigen. Womöglich ist der Diktator im Hungerland davon tatsächlich überzeugt. Denn wie sonst sollte sein bankrottes Regime überleben, wenn nicht durch nackte militärische Macht?

Was den Umgang mit der nordkoreanischen Despotie so kompliziert macht: Nie ist zwischen Kalkül und Wahn, zwischen Not und Nötigung eindeutig zu unterscheiden. Die Regierung Bush hat sich geschworen, dem Beispiel Bill Clintons nicht zu folgen, atomarer Erpressung um keinen Preis noch einmal nachzugeben. Mochten Südkoreaner, Japaner, Russen und Chinesen noch so sehr für Deeskalation durch Kooperation plädieren, George W. Bush setzte Nordkorea auf die "Achse des Bösen"; mit Kim Jong Il, den er "verabscheut", gab es für ihn nichts zu besprechen.

Nun verhandeln Amerikaner und Nordkoreaner doch: nicht bilateral, wie das komplexbeladene Pjöngjang es verlangt hatte, und auch nicht multilateral, wie Washington indigniert beharrte, sondern trilateral, mit den Chinesen als stillen Dritten am Tisch. So wurde das Gesicht gewahrt – und die Chance, Nordkorea eben doch ohne Krieg abzurüsten.

Das ist auch der empfehlenswerte Weg. Denn schon heute besitzt das Land, schätzt die CIA, ein oder zwei Atombomben. Begänne es erst einmal mit der Wiederaufbereitung, so verfügte es bald über genügend Plutonium für ein halbes Dutzend Nuklearsprengköpfe. Und Plutonium ist nicht der einzige Stoff, aus dem Nordkorea die Bombe basteln könnte: Es hat sich auch die Technologie zur Anreicherung von Uran zugelegt. Schon bald könnte Nordkorea Jahr für Jahr Dutzende von Nuklearwaffen herstellen.

Ein Horrorszenario. Warum etwa sollte sich das hoch entwickelte Japan, schon jetzt voll Furcht vor nordkoreanischen Raketen, der atomaren Bedrohung durch den gemeingefährlichen Nachbarn wehrlos aussetzen? Die atomar aufgerüstete nordkoreanische Despotie – sie wäre eine ganz andere Bedrohung für den Weltfrieden als Saddams sanktionsgeschwächter Irak. Kein Wunder also, dass es in Washington Überlegungen gibt, präemptiv gegen Kim Jong Ils Nuklearanlagen in Yongbyon loszuschlagen. Aber kurz nach einem solchen Angriff lägen auch große Teile von Südkoreas Hauptstadt Seoul in Asche, zerstört von Nordkoreas konventioneller Artillerie.

Verhandlungen sind deshalb der bessere Weg. Auch wenn der Erfolg ungewiss ist. Denn was bliebe Kim, wenn er niemandem mehr mit der Bombe drohen könnte? Nur das Warten auf das Ende nach einer langen ideologischen Geisterfahrt. Wer aber sollte sich davor fürchten?