Es hätte Wladimir Putin sein können, der vor kurzem das Magistratsgericht in der Londoner Bow Street verließ. Aber er sah nur so aus. Boris Beresowskij hatte sich eine Maske des russischen Präsidenten aufgesetzt, mit boshaft wulstigen Augenbrauen. Beresowskij protestierte gegen das Moskauer Auslieferungsgesuch. Die russische Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, als Direktor des Autohandelimperiums LogoWAS Mitte der neunziger Jahre die Regionalverwaltung von Samara um 13,5 Millionen Dollar betrogen zu haben. Der Mann, der einst als moderner Rasputin die Mächtigen wie Schachfiguren durch den Kreml bewegte, musste für die Dauer des Auslieferungsverfahrens 160000 Dollar Kaution und seinen Pass hinterlegen. Die Anschuldigung aus Russland tat Beresowskij als politisch motiviert ab. Dann zog sich der 57-Jährige in seine Londoner Wohnung zurück, die ihm seit gut zwei Jahren als Exilort dient – 900 Quadratmeter mit sieben Schlafzimmern.

In den neunziger Jahren avancierte Beresowskij zum Großmeister der Manipulation innerhalb des Herrschaftssystems einiger weniger, der so genannten Oligarchen. Sein größter Coup war die Wiederwahl des unpopulären Präsidenten Boris Jelzin, die er auf dem Wirtschaftsforum von Davos Anfang 1996 mit führenden Oligarchen beschloss. Dank einer dollarschweren und antikommunistischen Propagandawalze gewann Jelzin die Wahl.

Acht Oligarchenclans kontrollierten im Jahr 2000 fast alle der 64 führenden Unternehmen Russlands. Ihre Einnahmen lagen um 50 Prozent über dem staatlichen Jahresbudget. Zwar erreicht Russland in der Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung nicht einmal Costa Rica oder Uruguay. Doch mit 17 Milliardären steht es laut Forbes an Nummer vier in der Welt.

Keinen der Oligarchen verabscheut die Mehrheit der Russen so sehr wie Beresowskij. Während viele Menschen nur von Kartoffeln und Tee leben müssen, liebte er es, Besucher durch die Zimmerfluchten seines Moskauer Firmensitzes zu führen, vorbei an seiner Antiquitätensammlung und einem gelangweilten Privatbarkeeper. Er ging als Präsidentenflüsterer im Jelzin-Kreis der Familie ein und aus. Dort wurde Staatspolitik auf der Ebene von Tanja und Wanja gemacht, wie Beresowskij die Jelzin-Tochter Tatjana und den Stabschef des Präsidenten, Walentin Jumaschew, rufen durfte.

Die Nähe zur Macht war den Oligarchen Lebensquell. Netzwerke wurden gesponnen und durch Schmieren elastisch gehalten. Die Familie hält noch heute dank des Kreml-Stabschefs Alexander Woloschin, des Regierungschefs Michail Kassjanow und verschiedener Minister wichtige Positionen der Macht in Russland. Zu seiner besten Zeit flüsterte Beresowskij der Jelzin-Tochter die Namen neuer Premierminister ins Ohr. Bieten konnte er die Medienmacht seiner Zeitungen und vor allem des ersten russischen Fernsehkanals ORT, den er kontrollierte. Der Sender erreichte mehr als 98 Prozent der Bevölkerung und war die Hauptinformationsquelle im Land.

Stillhalteabkommen mit Putin

Bei Bedarf diente er dem privaten Agitprop Beresowskijs. Als zu Jahresbeginn 1999 der Generalstaatsanwalt Jurij Skuratow entschlossen Korruptions- und Geldwäschevorwürfe gegen Angehörige der Familie untersuchte, tauchte ein kompromittierendes Video auf. Es war zwar von lausiger Qualität, doch der Protagonist auf einem Bett zwischen zwei Prostituierten sah aus wie Skuratow. Anschließend entfachte ORT eine Kampagne gegen ihn, die in Bordellszenen und einer Demonstration Moskauer Prostituierter gipfelte, die den zukünftigen Präsidentschaftskandidaten Skuratow unterstützte. Nach den Teilnehmerinnen fahndeten Journalisten allerdings vergeblich. Der Generalstaatsanwalt flog aus dem Amt.

Ein letztes Mal spielte Beresowskij die Intrigenkunst seiner Medien aus, als er dem Land, wie er sich brüstet, einen neuen Präsidenten verpasste. 1999 schuf der Modelloligarch nach eigenen Aussagen aus der Retorte die neue Partei der Macht mit Namen Einigkeit und puschte Putin ins höchste Staatsamt. Der Chef des KGB-Nachfolgers FSB war der Familie schon vor Jahresfrist aufgefallen, als er loyal und zuverlässig die Anweisungen des Präsidenten erfüllte. Putin sollte dem Machtclan nach dem Abtritt Jelzins Straffreiheit garantieren.

Doch dem faustischen Pakt fiel der Diabolus zum Opfer. Putin hatte seine Wahl mit dem Slogan gewonnen, er werde die Klasse der Oligarchen abschaffen. Als Präsident entwickelte er Schritt für Schritt ein politisches Eigenleben und ging tatsächlich gegen die politisierenden Wirtschaftsbosse und ihre Medien vor. Beresowskij verlor seinen Einfluss auf den Präsidenten und dann die Kontrolle über seinen Fernsehsender. Der Besitzer des Putin-kritischen Medienimperiums Media-Most, Wladimir Gussinskij, wurde sogar drei Tage eingesperrt und floh bald darauf nach Spanien. Der verstoßene Beresowskij zog das Exil in London vor.

In Russland haben die Oligarchen mittlerweile die Epoche der trübsten Machenschaften abgeschlossen und sehnen sich nach Ehrbarkeit. Um einen manierlichen Eindruck zu erwecken, führen die Großunternehmen internationale Standards bei der Buchhaltung ein und bemühen sich um eine transparente Unternehmensführung. Zur Not kaufen sie sich Reputation. Michail Chodorkowskij, mit acht Milliarden Dollar der reichste Mann Russlands, finanziert Jugendprogramme, die eine Mischung aus Pionierlager und Kapitalismus-Crash-Kurs sind. Der 39-jährige Chef von Yukos, Russlands größter Ölgesellschaft, die durch eine jetzt angekündigte Fusion mit Konkurrent Sibneft sogar zur viertgrößten der Welt aufsteigt, bezeichnet sich als "drei Generationen Rockefeller in einer Person". Der Präsident der Industrie-Holding Interros, Wladimir Potanin, machte sich im letzten Jahr mit mehr als einer Million Dollar fein für einen Kuratoriumsplatz im Guggenheim Museum.

Zum Start ihrer Karriere haben Oligarchen wie Potanin im ersten nachkommunistischen Businessmodell den Staatsbesitz geplündert. Dazu agierten sie, wenn nötig, von Staatsposten aus. Für Potanin waren die Monate als stellvertretender Premierminister 1996 und 1997 besonders einträglich: Für einen vergleichsweise läppischen Kredit an den russischen Staat hatte er als Pfand 38 Prozent am Metallkombinat Norilsk Nickel erhalten. Der Staat zahlte den Kredit nicht zurück, und Potanin fiel das Anteilspaket zu. Norilsk Nickel versorgt heute ein Fünftel des Weltmarktes mit Nickel und deckt zwei Drittel des globalen Bedarfs an Palladium ab. Neben der weltweit drittgrößten Buntmetallhütte gehören noch Turbinenwerke, Bankbeteiligungen und sogar Mastschweinanlagen zum Spektrum von Potanins Interros-Holding. Mit alledem erwirtschaftet sie vier Prozent des russischen Sozialprodukts.

Potanin ist ein typischer Vertreter der Oligarchen der Beresowskij-Zeit: Anfangs warf er dem neu gewählten Präsidenten Putin vor, einen Polizeistaat aufzubauen. Ein Strafbefehl über 140 Millionen Dollar stimmte ihn milde. Potanin tauchte hinter seinem Reichtum ab und verkündete künftig: Putin ist ein Glücksfall für Russland.

Für ihren Besitz wünschen sich die Oligarchen vor allem Sicherheit, und Putin hat sie ihnen versprochen. Und solange sie nicht in politische Opposition zum Präsidenten treten und ihre Gewinne im Inland investieren, statt sie im Ausland zu bunkern, tastet er ihr Eigentum nicht an und liberalisiert die Wirtschaft.

Während Jelzin in geheimen Tête-à-têtes politischen Handel betrieb, hat Putin seine Kontakte mit den Oligarchen institutionalisiert. In unregelmäßigen Abständen trifft er sich mit einer Abordnung des Verbandes russischer Industrieller und Unternehmer. Manchmal lässt der Präsident in der milliardenschweren Runde den Klingelbeutel rumgehen, so wie vor anderthalb Jahren, als er Geld für einen Fonds erbat, der verletzten Soldaten aus dem Tschetschenienkrieg hilft. 50 Millionen Dollar kamen zusammen und finanzierten indirekt den Waffengang im Kaukasus.

Ferngesteuerte Abgeordnete

Ihre politische Macht spielen die Herren der Konglomerate weiter aus, tasten Putins Herrschaft allerdings nicht an, sondern konzentrieren sich auf die Interessen ihrer Unternehmen. Wie im Shuttlebus wechseln sie oder ihre Vertrauten zwischen Politik und Wirtschaft hin und her. Der Öl- und Aluminiummilliardär Roman Abramowitsch, von dem Zeitungen vor wenigen Jahren aus Fotomangel nur Phantombilder drucken konnten, leistet sich als gewählter Gouverneur mittlerweile einen eigenen autonomen Bezirk in Tschukotka an der Bering-Straße. Sieben seiner Amtskollegen standen früher an der Spitze mächtiger Unternehmen. Ein ehemaliger Vizepräsident von Lukoil besetzt einen Platz im Föderationsrat. Im Parlament sitzen Dutzende ferngesteuerte Abgeordnete.

In den Regionen ebnen die örtlichen Monopolisten ihren Kandidaten mit einer spendablen Wahlkampagne den Weg in die Rathäuser. Wenn nötig, kaufen sie Teile der korrupten öffentlichen Verwaltung einfach auf, um Konkurrenten fernzuhalten oder Lizenzen zu ergattern. Auch die politischen Parteien sind ein williges Opfer, da sie als meist mitgliederschwache Wahlvereine nur dank der gezielten Gaben überleben. Der Handel auf dem Basar der Stimmen und Listenplätze hat in der Moskauer Vorwahlzeit schon begonnen. Im Dezember steht die Parlamentswahl, im März 2004 die Präsidentschaftswahl an.

In London verkündete Beresowskij derweil seine unrealistische Absicht, dank eines Duma-Mandats in die russische Politik zurückzukehren. Das Moskauer Auslieferungsbegehren, über das am 13. Mai weiter verhandelt werden soll, war eine ernste Warnung vor politischen Aktionen. Denn in den vergangenen Monaten hatte Beresowskij bereits eine liberale Kleinpartei aufgekauft und gar mit den Kommunisten geflirtet.

Sein Ziel bleibt der Kreml. So sehr er London mag, im Vergleich zu Russland , sagt Beresowskij, sei es doch oft furchtbar langweilig. Als Trost bleibt dem Exoligarch sein Vermögen: angeblich drei Milliarden Dollar.

Mitarbeit: John F. Jungclaussen