Amerikas Macht ist nicht mehr das, was sie einmal war. Das gilt nicht erst seit dem 11. September 2001, sondern bereits seit Ende des Kalten Krieges. Das Auseinanderbrechen des kommunistischen Ostblocks – nicht die mörderischen, von amerikanischem Boden aus auf amerikanische Bürger verübten Anschläge islamistischer Terroristen – markierte die entscheidende weltgeschichtliche Zäsur, an deren Folgen die Welt gegenwärtig laboriert: Die "dritte Welle der Demokratisierung" (Samuel P. Huntington) zu Beginn der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts steigerte die Anziehungskraft und auch räumliche Ausdehnung des westlichen Modells marktwirtschaftlicher Demokratie so stark, dass der Begriff "des Westens" seines (nicht nur räumlichen) Gehäuses und damit auch seiner sicheren Grenzen verlustig ging. Die USA wurden zur einzigen Supermacht der Welt. Doch als "Hypermacht" (Hubert Védrine) zogen sie keineswegs nur Bewunderung, sondern naturgemäß auch wachsende Gegnerschaft auf sich.

Bereits im September 1999 warnte die vom Verteidigungsministerium eingesetzte U. S. Commission on National Security/21st Century – vergebens – davor, dass die Feinde Amerikas in Zukunft zu schockierenden Formen der Gewalt greifen würden: "Amerikaner werden wahrscheinlich auf amerikanischem Boden sterben, vielleicht in großer Zahl." Und die Kommission sagte voraus, dass die militärischen Kapazitäten der USA, so beeindruckend sie auch seien, zur Abwehr der neuartigen Gefahren nicht ausreichen würden. Im Kampf gegen den Terrorismus würden die USA in zunehmendem Maße "abhängig sein von ihren Verbündeten; aber sie werden es schwieriger haben, verlässliche Partnerschaften aufzubauen und zu erhalten."

Joseph S. Nye, zur damaligen Zeit stellvertretender Verteidigungsminister der Clinton-Administration und derzeit Dekan der Kennedy School of Government in Harvard, knüpft unverkennbar an die zentralen Befunde der Kommission an – und auch an frühere eigene Überlegungen. Das Paradox der amerikanischen Macht besteht für ihn darin, dass die USA einerseits so mächtig sind wie nie zuvor, auf der anderen Seite aber mit dieser Macht ihre Ziele innerhalb der Vereinten Nationen immer weniger durchsetzen können. In Zeiten der Informationsrevolution und der Globalisierung hat sich das Wesen der Macht verändert. Machtmittel, die bis vor kurzem noch von den Regierungen der Nationalstaaten monopolisiert werden konnten, sind nun internationalen Akteuren, kleinen Gruppen und selbst Privatpersonen zugänglich.

Unipolar oder multipolar

Internationalisierung und Privatisierung von Macht sind per se nichts Schlechtes; ihre Chancen wie ihre Gefahren sind aber nicht mehr in gleichem Ausmaß wie früher von den Regierungen kontrollierbar. Selbst die einzige Supermacht der Welt ist auf Verbündete angewiesen – in der Staatenwelt und der Welt der internationalen Organisationen genauso wie unter den transnationalen Konzernen und den Nichtregierungsorganisationen. Nye hat schon in früheren Publikationen den Begriff der soft power geprägt, um diese Zusammenhänge zu verdeutlichen.