Entlang der Korridore stapelten sich die Täterakten, als Anatolij Pristawkin 1992 in Kremlnähe seine neue Amtsstätte aufsuchte. In einem Hinterzimmer fand er gelbe Mappen mit einem roten Buchstaben obendrauf – "E" für Erschießung. Zwischen den Aktendeckeln lagen Geschichten von gebrochenen Menschen und Verbrechen, deren Horror jede Vorstellung sprengte. Der Schriftsteller Pristawkin sollte ihn zehn Jahre lang als Vorsitzender der von Präsident Jelzin neu geschaffenen Begnadigungskommission durchleben.

Als Erstes lässt Pristawkin sein saalgroßes Arbeitszimmer, in dem früher der Vorsitzende des kommunistischen Parteikontrollkomitees residierte, mit Weihwasser ausspritzen gegen "negative Emotionen". Aber die Macht kann er nicht bannen, denn nun muss er selbst über Schicksale entscheiden wie ein Scharfrichter. Pristawkin kämpft gegen den Wunsch nach Vergeltung. Er leidet mit den Opfern und an den Tätern bei der Lektüre Tausender juristischer Protokolle, der Gnadengesuche voll reueloser Geschwätzigkeit.

Der klassische Kriminalfall beginnt mit einem Besäufnis. Ein Streit bricht aus, und die Trinkkumpane stechen sich einen Schraubenzieher in den Bauch, erschlagen einander mit Bügeleisen, hacken sich zu Tode oder schieben das Opfer im Heizungskeller in den Ofen. Die Orgie an hemmungsloser Gewalt der Sufftäter kommentiert Pristawkin mit reiner Galle: "Das ist sie also, die geheimnisvolle Seele des Russen." Verzweifelt versucht er, die bestialischen Taten zu verstehen. Die über ein erniedrigtes Leben hinweg angesammelte Bitterkeit, die sich nur im plötzlichen Schlagen und Stechen zu artikulieren vermag. Die mitleidlose Grausamkeit aus Ohnmacht, die der Staat mit Grausamkeit bekämpft: Polizisten foltern in Verhören, Richter urteilen gewissenlos ab, und die Straflager dienen als "Fließband der Entmenschlichung" in einem System von Häftlingsarbeit und Erpressung.

Pristawkin erkennt historische Wurzeln für Russlands Hang zur Gewalt: von Peter dem Großen, der zur Todesstrafe 123 Paragrafen ausarbeitete, über die Bolschewiken bis zu Nikita Chruschtschow, in dessen Tauwetterjahren Tausende Menschen hingerichtet wurden. Aber er schreibt kein argumentierendes Resümee seiner zehnjährigen Arbeit in der Begnadigungskommission. Das Buch ist ein Befreiungsakt, ein auf Papier gebändigter Aufschrei. Pristawkin erlaubt sich eigene Gnadenlosigkeit, nachdem er zehn Jahre lang gegenüber gnadenlosen Verbrechern um Barmherzigkeit rang, und schreibt eine fulminante Anklage gegen das eigene, gleichgültige Volk und die Herrschenden im "kriminellen Straflager, das Russland heißt". Hass, Intoleranz und Grausamkeit prägen für ihn die Mentalität der Nation, die lieber nach dem Wolfsgesetz lebt, als sich durch den Wunsch nach eigenen Rechten aus dem Sklavendasein zu befreien. Die aufgestaute Verbitterung entlädt sich voller Ungerechtigkeit und beeindruckt doch in ihrer Leidenschaft, die der Sehnsucht entspringt, sich mit dem eigenen Volk verbunden zu fühlen.

Die Begnadigungskommission wagte den ein-samen Versuch, aus dem Kreislauf von Gewalt und Vergeltung auszubrechen. Der Volkszorn drohte in Briefen damit, die Begnadiger in Stücke zu reißen. Bürger boten freiwillig ihre Dienste als Henker an. Todeskandidaten bettelten angesichts ihrer Haftbedingungen um die "großzügige Geste", sie doch zu erschießen. Die Kommission hielt aller Belastung stand, bis Präsident Putin sie Ende 2001 auflöste. Sie wurde zu einem Symbol für ein neues, humanes Russland. Als Hoffnungsschimmer bleibt, dass die Todesstrafe seit 1996 nicht mehr angewandt wird.

Pristawkin hat versucht, dem Tal des Todesschattens, wie sein Buch im Original hieß, schreibend zu enfliehen. Sein Text ist kathartisch – für sich und die Leser.