Peking

Von der leichten lila Brille bis zu den spitzen schwarzen Stiefeletten, vom 18-lagigen Atemschutz vor Mund und Nase bis zu den zarten, in weiße Stoffhandschuhe gehüllten Händen signalisiert Yuan Hong, dass sie auf Fortschritt eingestellt ist. Wie einst Mao Tse-tung, der Bauerssohn aus der südchinesischen Provinz Hunan, hat sich die 22-jährige Bauerstochter von einem Dorf in Hunan bis in die Hauptstadt durchgekämpft. Hier studiert sie Chemie an der Peking-Universität – eigentlich. Doch schon seit Wochen recherchiert und redet die junge Wissenschaftlerin fast nur noch über die neue Krankheit SARS (Schweres Akutes Respiratorisches Syndrom).

"Die Partei machte keine Fehler"

"Meine Freundinnen und ich haben uns per SMS und Internet viel stärker mit SARS beschäftigt als die Kader und Politiker", nuschelt Yuan durch ihre weiße Maske. Sie sitzt auf einer Campus-Parkbank in der Pekinger Frühlingssonne. Um sich verständlicher zu machen, hebt sie den Schutz ein wenig an – abnehmen kommt nicht infrage. Doch ihre Stimme klingt selbstbewusst: "Wir haben die alte offizielle Zahl von 37 SARS-Fällen in Peking nicht geglaubt und glauben auch den neuen Angaben, nach denen es 482 SARS-Fälle sein sollen, nicht. Wenn die Regierung seriös dastehen will, muss sie schon mit der ganzen Wahrheit herausrücken. Wir erfahren sie sowieso", sagt Yuan forsch – und macht sich nicht klar, wie revolutionär das ist, was sie ihren Regierenden da abverlangt.

Aus dem fernen Sichuan betrachtet, ohne Atemschutz, wird deutlicher, was sich dieser Tage in Peking vollzieht: ein Paradigmenwechsel. "Das erste Mal seit Gründung der Volksrepublik zeigt eine Regierung den Mut, eigene Fehler zu gestehen", jubelt Xiao Ting, Chinas berühmtester Operndirektor, und meint damit die offizielle Selbstkritik der Partei in Sachen SARS.

Sechzig und ein paar Jahre zählt der große, von Mao und seinem Nachfolger Deng Xiaoping gefeierte Star und Direktor der Sichuan-Oper. Zurzeit verdecken seine Kollegen Mund und Nase – wie die von SARS aufgeschreckten Bürger. Xiao aber sieht SARS als Chance: "Selbstkritik – das bedeutete für mich als Parteimitglied, jahrelang zu wöchentlichen Sitzungen zu gehen, in denen jeder erzählen musste, was er falsch gemacht hatte. Einmal hatte ich nach einer Aufführung in der Großen Halle des Volkes in Peking etwas Klopapier gestohlen, weil ich bis dahin noch nie Klopapier gesehen hatte. Das erzählte ich dann in einer wöchentlichen Sitzung – und wurde hart bestraft. Ich sollte mir vorstellen, Mao wäre in der Großen Halle aufs Klo gegangen und hätte kein Klopapier gefunden. Es war ein Albtraum. Nicht einmal im Traum durften wir uns damals vorstellen, die Parteiführung könnte Fehler begehen."

Doch endlich erkennt Xiao "Zeichen des Fortschritts". In einer beigen Seidenjacke und schwarzen Tweedhosen besucht der Operndirektor in Chengdu, der Hauptstadt Sichuans, eine Sondersitzung seines Parteikomitees im großen Saal des Künstlerverbandes. Aufgeregt kehrt er zurück: "Es ist auf diesen Treffen immer normal gewesen, die wahren Zahlen zu verbergen. Nie haben wir von den Opferzahlen des Großen Sprungs nach vorn, der Kulturrevolution oder auch nur des großen Erdbebens in Tangshan erfahren. Bei jeder Katastrophe wurde ausländische Hilfe abgelehnt. Am Montag aber hat man uns zum ersten Mal die Wahrheit sagen wollen, auch wenn noch keiner weiß, wie viele SARS-Opfer es wirklich gibt", sagt Xiao, und in seiner Stimme klingen Entsetzen und Begeisterung gleichzeitig mit.

Dieses gespaltene Gefühl teilt er mit der Studentin Yuan und vielen, die beobachten, wie die neue Krankheit in China immer weitere Kreise zieht und dabei einerseits zu einer möglicherweise ernsten Gefahr für viele Menschen anwächst, andererseits aber die Regierung zu Maßnahmen veranlasst, die unter der Parteidiktatur bislang unvorstellbar waren.