Das Ergebnis der Iglu-Studie kommentieren Sie als Ausdruck der Qualität der Grundschule, während das Ergebnis der Pisa-Studie als Ausdruck der schlechten Qualität des deutschen weiterführenden Schulsystems interpretiert wird. Nur: Lässt sich Pisa so ohne weiteres mit Iglu vergleichen? Die Tabelle "Grundschüler sind besser" macht zunächst deutlich, dass Pisa die angelsächsischen und die nordeuropäischen Länder positiv gewichtet, während die mitteleuropäischen Länder und Osteuropa sehr schlecht abschneiden, die jedoch bei Iglu relativ gut wegkommen.

Leistungsvergleiche, die sich auf bestimmte theoretische Konstruktionen der Leistungsmessung stützen, können nur dann als valide Instrumente internationaler Vergleiche herangezogen werden, wenn sicher gestellt ist, dass nicht bestimmte Ländergruppen mit einem bestimmten sprachlichen und kulturellen Hintergrund, wie die osteuropäischen und mitteleuropäischen Länder, systematisch benachteiligt werden.

Solche Probleme lassen sich umgehen, wenn man Außenkriterien hat, die es ermöglichen, die Qualität der Schule an außerschulischen Bereichen zu prüfen.

Genau das machen aber diese internationalen Leistungsvergleiche nicht. Nimmt man etwa den Übergang zwischen Schule und Berufswelt als ein Kriterium für die Qualität schulischer Ausbildung, so ist festzustellen, dass die bei Pisa so gut beurteilten Finnen eine Jugendarbeitslosigkeit von etwa 23 Prozent - und damit eine noch höhere als Schweden - aufweisen. In dem so gescholtenen deutschen System liegt trotz hoher allgemeiner Arbeitslosigkeit die Jugendarbeitslosigkeit etwa bei neun Prozent. Österreich mit einem ähnlichen dualen System steht noch besser da als Deutschland.

Aus der Geschichte der empirischen Sozialforschung gibt es viele Beispiele, etwa die Intelligenzmessung, die zur Diskriminierung von Kulturen und Ethnien geführt haben, weil sie ohne valide Außenkriterien entwickelt und eingesetzt worden sind. So sind alle Defizittheorien der Sprache einzelner Schichten, die in den siebziger Jahren in den Erziehungswissenschaften großen Anklang fanden, falsifiziert worden und gelten heute zu Recht als Konzepte sozialer Diskriminierung einzelner gesellschaftlicher Gruppen.

Prof. Dr. Hans Bertram Sozialwissenschaftler Humboldt-Universität, Berlin