Unübersehbar: Der Frühling kommt! Die Vögel singen, die Autos glänzen, die Nachbarn pflanzen riesige Stiefmütterchen, in meinem Garten strahlen Schneeglöckchen, Krokus & Co – und ich warte immer noch ungeduldig. Meine Favoritin blüht Anfang April, hat sich aber wegen der langen Kälte verspätet: Fritillaria meleagris, die Gefleckte Schachblume. Es gibt keine ihresgleichen, sie, das kleine Liliengewächs, ist die ganz große Ausnahme.

Die Schachblume trägt ein spektakuläres, einmaliges Design: Ihre hängenden, matt purpurvioletten Glocken sind kariert. Exakt und rechtwinklig kariert. Damit dürfte es sie streng genommen überhaupt nicht geben, lautet doch eine alte Biologielehrer-Weisheit: "In der belebten Natur gibt es keinen rechten Winkel!"

Von wegen! Fritillaria meleagris, übersetzt "perlhuhnfleckiger Würfelbecher", sind solche ehernen Grundsätze völlig gleichgültig. Einige saloppere Exemplare tendieren zwar zu einem leger verwaschenen Tupfenmuster, die akkuraten aber tragen perfektes 90-Grad-Karo, und keine Blüte gleicht je der anderen.

Die Schachblume ist sozusagen ein zierlicher Viertelmeter Individualismus, denn auch sonst zieht sie es vor, konventionelles Pflanzenverhalten souverän zu missachten: Ihr silbrig grüner Sproß wächst zunächst bogenförmig nach unten gekrümmt, um sich dann jäh aufzurichten und die spitz-ovale Knospe freizugeben, die ihr den englischen Namen Snake’s Head Fritillary eingebracht hat. Die Briten übrigens, wie könnte es anders sein, lieben die exzentrische Frühlingsbotin sehr. Friedensreich Hundertwasser dagegen hätte der Anblick dieses provozierend geometrischen Stückchens Natur vermutlich in eine ernste Krise gestürzt. Künstler vergangener Jahrhunderte waren von der fragilen Schönheit fasziniert: Bei Brueghel zum Beispiel taucht sie immer wieder auf.

In Deutschland hat die Schachblume auf Feuchtwiesen eher im Verborgenen geblüht, anmutig, exotisch und rätselhaft wie ein japanischer Farbholzschnitt, scheinbar deplatziert zwischen biederen dicken Sumpfdotterblumen – und doch eine einheimische Wildpflanze. Heute hat ihr die moderne Landwirtschaft den Lebensraum genommen. Sie ist Dauergast auf der Roten Liste.

Glücklicherweise hat die zarte Verwandte der majestätischen Kaiserkrone wenigstens in den Gärten ein bescheidenes Comeback geschafft. Sie ist robust und ausdauernd, vorausgesetzt allerdings, sie hat aufmerksame Gastgeber, die ihre eigenwillige Persönlichkeit zu schätzen und zu würdigen wissen. Wer sie ebenso achtlos behandelt wie jene bedauernswerten Wegwerfpflanzen aus Massenproduktion, der wird mit ihr niemals glücklich werden. Wer dagegen für ihren hintergründigen, spröden Charme, für Liebe auf den zweiten Blick empfänglich ist, wird der Schachblume für immer verfallen.

Nie wieder kann ein Frühling vollständig sein ohne ihr kapriziöses Outfit, ihre merkwürdige matte Farbe und regelmäßige Gärtner-Kniefälle auf nassem Boden, weil sich dieses verblüffende Muster nun einmal am besten aus der Nähe bewundern lässt. Fritillaria meleagris verdient solche Zeichen von Respekt. Schließlich hat sie, und nur sie allein, das Unmögliche möglich gemacht!