Mit Tengelmann nach Dubai, mit Tchibo zum Golfspielen nach Mauritius, mit Aral in die Türkei, mit Plus nach Prag zu den Rolling Stones: Reisen aus dem Supermarkt, von der Tankstelle oder vom Kaffeehändler werden immer beliebter. Während die Reisebranche über Umsatzeinbußen klagt, legen Direktvertreiber, die ohne Reisebüro arbeiten, kräftig zu. So verkaufte Tchibo 2002 rund 75 000 Reisen, 80 Prozent mehr als im Vorjahr. Für dieses Jahr peilen die Hamburger Kaffeeröster die 100 000-Marke an. Der durchschnittliche Preis pro Pauschalreise liegt bei 540 Euro.

Ihre Angebote beziehen Tchibo und Konsorten zum Teil von namhaften Veranstaltern wie Dertour, ITS und Alltours. Hauptzulieferer ist jedoch Berge & Meer aus Rengsdorf, eine Firma, an der die TUI seit Anfang des Jahres 75 Prozent hält. Berge & Meer versorgt auch Bertelsmann Clubreisen, Aral, Marktkauf, die Fernsehsendung TV-travel-shop und den Otto-Versand mit Pauschalpaketen. Im vergangenen Jahr setzte das Unternehmen mit 290 000 Reisen 132,5 Millionen Euro um, ein Drittel mehr als im Vorjahr. Ziel für 2003 sind 400 000 Reisen für 200 Millionen Euro.

Seit Februar liegen nun auch in den 750 Filialen der Supermarktkette Kaiser’s Tengelmann Ferienkataloge aus. Der Anbieter dahinter ist Urlaub direkt, eine Tochter der Holiday Flugtouristik aus Rheine, die zuvor drei Jahre lang die Prospekte für Eurospar machte. Urlaub direkt liefert auch an die Versandunternehmen Quelle und Neckermann sowie an die TV-Sendungen Neckermann Urlaubswelt und Sonnenklar. Mit mehreren Lebensmittelketten liefen "intensive Gespräche", sagt Geschäftsführer Guido Reddig. 100 000 Reisen verkaufte das 1997 gegründete Unternehmen im vergangenen Jahr und hatte laut Reddig "in diesem Winter 300 Prozent Zuwachs".

Bereits im vergangenen Jahr ist auch der Discounter Plus in den Reisemarkt eingestiegen und kooperiert dabei mit Karstadt. Dem Vernehmen nach sehr erfolgreich, auch wenn keine konkreten Zahlen genannt werden. Das Erfolgsgeheimnis aller Direktanbieter: Sie kaufen "weiße Ware", die die Veranstalter nicht unter ihrem Namen anbieten wollen – wie Restkontingente – und geben sie günstig weiter. Sie haben Kombinationen im Angebot, wie sie in gewöhnlichen Katalogen nur schwer zu finden sind. So gehört bei Kaiser’s Tengelmann eine Nacht in der 170-Quadratmeter-de-Luxe-Suite im Hotel Burj al-Arab zu einer neuntägigen Dubai-Reise. Außerdem sind die Direktanbieter, anders als große Veranstalter, nicht an umfangreiche Garantieverträge mit Hotelketten und Fluglinien gebunden. Und statt Dutzender Hotels in einer bestimmten Region haben sie nur ein oder zwei im Programm, zumeist in der Nebensaison.

Doch dass sie gerade in der Krise der Tourismusbranche so gewaltige Steigerungsraten haben, liegt vor allem daran, dass sie auf den Spontanbucher setzen. Guido Rettig von Urlaub direkt sagt: "Für die Veranstalter ist es derzeit schwierig, direkt an den Kunden heranzukommen. Der denkt jetzt nicht unbedingt daran, ins Reisebüro zu gehen." Im Supermarkt oder beim Kaffeeröster wird ein Prospekt dagegen gern eingesteckt, und zu Hause die Reise über Telefon oder Internet gebucht. Kunden seien nicht nur ältere Leute, die sich für eine Busrundreise entscheiden, sondern auch jüngeres Publikum. "Wir haben inzwischen ein Drittel Buchungen übers Internet", sagt Michael Meyer, Bereichsleiter Non-Food bei Tchibo. Stolz verweist er auf "eine Wiederbuchungsrate von 97 Prozent und eine Weiterempfehlungsquote von 87 Prozent".

Fast jede zehnte Pauschalreise wird mittlerweile im Direktvertrieb abgesetzt. Wird das Reisebüro zum Auslaufmodell? "Nein", sagt Ulrich Reinhardt, Wissenschaftlicher Referent am BAT-Freizeitforschungsinstitut in Hamburg. "Das wird sich bei den meisten Kunden nicht durchsetzen, sie werden auch in Zukunft ins Reisebüro gehen. Dort haben sie ein Gefühl von Vertrauen und Sicherheit – weil sie einen konkreten Ansprechpartner haben, bei dem sie sich notfalls beschweren können."

Auch andere Direktanbieter drängen in den Markt: Thomas Cook reaktiviert gerade die Marke Paneuropa für diese Sparte. Übers Fernsehen (Sonnenklar) plant Geschäftsführer Günter Geske bereits im ersten Jahr eine "hoch fünfstellige" Zahl an Reisen abzusetzen: "Und in drei Jahren wollen wir das Volumen von Berge & Meer erreichen." Einen Sonderweg geht das von FTI-Gründer Dietmar Gunz ins Leben gerufene Unternehmen Big X-tra. Auf gedruckte Kataloge verzichtet es vollständig. Neben Buchungen im Internet und via TV-Shopping setzt Gunz auf Reisebüros als Vermittler: "Die pfiffigen kennen unsere Angebote und bieten sie den Kunden an." Dafür erhalten sie eine Provision. Der Kunde zahlt den gleichen Preis wie bei einer Internet-Buchung. Dadurch, dass Gunz von gedruckten Katalogen unabhängig ist, kann er sein Angebot täglich aktualisieren. Die Extras variieren je nach Reiseziel: Im Charterflieger nach Kalabrien wird eine Businessklasse angeboten und in Gambia erhalten Männer einige Aktionswochen lang einen Maßanzug gratis. Dafür muss, wer in das westafrikanische Land fliegt, Speisen und Getränke an Bord extra bezahlen – einen Euro pro Softdrink und 1,90 fürs Sandwich.