Vom Bösen befreit sind Datteln und Öl.
Für Bush nach Goethe nachträglich zu Ostern

Für die Fernsehwelt ist der Irak-Krieg vorbei, daher kann man schon mal alles zusammenfassen und fragen: Was hat man denn nun gesehen?

Ich habe ungefähr 200 Pressekonferenzen gesehen. Goya sah Napoleons Soldaten und zeichnete Albträume; ich sah Richard Myers und denke an seinen Videobeamer. Dazu Akkreditierte mit coffee, orange juice und Gratis-Kugelschreibern vom Pentagon. Einmal erläuterte Myers, der US-Generalstabschef, einen Bombenangriff wie mein anthroposophischer Mathematiklehrer die Vektor-Rechnung. Es ging um einen Vorgang, an dem wir erkennen sollten, wie human die Amerikaner Bomben werfen. Im Video tauchten plötzlich Iraker auf. Dann wurde in den Film eine rote Linie hineingebeamt, um die wegen der Iraker geänderte Flugbahn der Bombe zu zeigen. Die rote Linie erinnerte mich an die Abseitslinie, die von der ran- Sat.1-Fußballshow immer ins Bild gebeamt wird, wenn Fredi Bobic oder Roque Santa Cruz vom FC Bayern im Abseits steht. Einen Tag später konnte man dann erfahren, dass ungefähr zeitgleich zu Myers’ roter Linie circa 40 tote Zivilisten in einem eindeutigen Wohngebiet auch im Abseits lagen, wegen wohl ungeänderter Flugbahn.

Ernst Jünger hätte Myers’ Gebeame auch gefallen. "Zuweilen huschten Bomber gleich Fledermäusen über die Dächer hin", notierte Jünger als Mitbesatzer in Paris. "Das Schießen währte, auch als ich schon zu Bette lag, noch lang. Las ein Kapitel Samuel. Das Feuer war Zeitdecor dabei." Na ja, Samuel lesen und früh zu Bette gehen, während andere schießen, erinnert eher an George W. Bush, aber das "Feuer als Zeitdecor" ist absolut Pentagon-Stil. Je mehr präsentiert und gebeamt wurde, desto typischer wurde dieser Krieg. Die präsentierten Bomben flogen ästhetisch schön aus der geordneten Welt ins Böse zum Wohl der vom Bösen Befreiten; über die Folgen nach der Flugbahn erfuhren wir weniger. Es schien so, als flögen die Dinger aus der überinformierten Welt ins unterinformierte Nichts. Darum saß man ja auch permanent verwirrt vorm Fernseher, weil ständige Überinformation nach Abwurf bei gleichzeitiger Unterinformation nach Einschlag: das führt irgendwann zu einem merkwürdigen Gefühl von Krieg oder Entkonkretisierung von Krieg, trotz 200 Pressekonferenzen!

Entkonkretisierung und "Samuel", das sind die wichtigsten Mittel, und man muss kein Antiamerikanist oder Birkenstock-Träger sein, um zu wissen: Die neue Präventivschlag-Ordnung sichert dem Bush-Staat die Akzeptanz und ökonomischen Grundlagen, weil sonst müsste er ja auch im Kongo oder in Burundi sein?! Und je mehr die Öffentlichkeit den Irak-Krieg doch noch beklatschen wird, umso selbstverständlicher wird uns die Bush-Welt einer Politik als schöner über- und unterinformierender Flugbahnen-Militarismus werden. See you in Syria with the videobeamer!

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Vom Autor erschien zuletzt: "Trilogie der Verlorenen" bei Rowohlt Nächste Woche schreibt an dieser Stelle: Gregor Hens