Dominique Horwitz, 45, Sohn eines Lebensmittelhändlers, kam 1971 aus Paris nach Berlin und begann mit 21 seine Schauspielerkarriere. Besondere Beachtung fanden seine Auftritte in Robert Wilsons "The Black Rider" und als Mackie Messer unter der Regie von Katharina Thalbach. Mit Interpretationen von Jacques-Brel-Liedern schlug er in den vergangenen Jahren eine weitere Bühnenlaufbahn ein. Dominique Horwitz träumt davon, Politik als Minister für Gespielte Demokratie theatralisch darzustellen

Als Schauspieler bist du immer auf der Suche nach dem richtigen Ausdruck. Das ist nicht unbedingt ein leichtes Spiel, weil die eigene Persönlichkeit sich fortwährend in diese Suche einmischt. So kommt es, dass ich mich über die Figurenfindung auch selbst kennen lerne. Es ist spannend und lehrreich, schwierige Inhalte auf der Bühne den Zuschauern nahe zu bringen. Denn sie sollen mühelos verstehen, was gemeint ist. Nehmen wir die Politik: Welcher Mensch, der tagtäglich mit seinen eigenen Sorgen klarkommen muss, versteht schon inhaltlich, was die Regierenden zu Gesetzen zusammenfassen? Vor allem, wenn es sich um Bereiche wie Steuern, Gesundheitsvorsorge, Rente oder Bildung handelt? Während ich nach Rollen suche, kreise ich mich selbst ein und stoße dabei auf eigene Fragen und auch auf meine Träume.

Bei einer solchen Einkreisung kam mir die Idee, Minister für Gespielte Demokratie zu werden. Ich übersetze mithilfe von Schauspiel- und Schreibexperten Politik und ihre Gesetze in die Sprache des wirklichen Lebens. Denn die Politiker, scheint mir, wissen nicht mehr, was das Volk wirklich denkt und will und umgekehrt.

Als Minister beschäftige ich viele Autoren, Dramaturgen, Darsteller und Clowns. Wir alle haben nur die eine Aufgabe: Politiker dazu zu bringen, ihre Gesetze so zu formulieren, dass wir sie mühelos fürs Volk zu Monologen, Dialogen, Tragödien, Komödien und Musicals umarbeiten können. Der Sitzungssaal im Reichstag ist zu einer Bühne umgebaut, auf der wahlweise Regierung und Opposition ihre Gesetze oder Gegenentwürfe spielen. Wo sonst die Abgeordneten der einzelnen Fraktionen sitzen, hat das Volk Platz genommen. Dann werden die Seiten gewechselt: Die Politiker dürfen sich von ihren Abgeordnetenplätzen aus ansehen, wie ihre Wähler auf die Gesetze reagieren. Auch sie stellen Kritik und Meinung schauspielerisch dar.

Jedem Bundesministerium sind Landesministerien für Schauspiel und Komödiantentum angegliedert. Die Regierungen und Bewohner der Länder haben so die Möglichkeit, ihre jeweiligen Landesprobleme mittels schauspielerischer Darbietungen öffentlich zu machen. So wird jeder selbst, wenn er es nicht schon ist, zum Clown, zum Schauspieler, zum Sänger und zum Tänzer. Die Obrigkeit muss vorführen, was sie sich mal wieder ausgedacht hat. So verstehen die Bürger die Politik und bleiben nicht hilflos zurück, wenn die Steuern schöngeredet, Kampfeinsätze verteidigt, Mehrbelastungen für Ärzte und Patienten gefordert oder von einer Bildungsoffensive geredet wird.

Die Politiker merken, dass sie sich nicht mehr hinter Worten verstecken können. Wenn sie dazu gezwungen werden, zu spielen, was sie sich ausdenken, müssen sie auf Fachjargon und Worthülsen verzichten.

Das Volk braucht dann keine Steuer-, Unternehmens- oder Versicherungsberater mehr. Es wird mündig und kann direkt auf die Entscheidungsprozesse Einfluss nehmen. Als Minister dieses Ressorts habe ich viel Arbeit. Ich muss die Ergüsse der Gesetzgeber auf ihre Spielbarkeit hin überprüfen. Sind die Steuerpläne eine Tragödie oder eine Komödie? Und die Rentengesetzgebung – ein Melodram? Machen wir aus den Überlegungen zur Gesundheitsreform ein paar hübsche Einakter, mit denen wir durchs Land touren, damit das Volk frühzeitig weiß, wovon Berlin eigentlich spricht?

Schon nennt man mich den Sonnenkönig, weil ich fest in meinem Sattel sitze, als Primus inter Pares. Ich sehe mit Verachtung auf solche Politiker, die nicht in der Lage sind, ihr Wissen und Können vereinfacht darzustellen. Ich lache über manchen Krawattenträger, dem es gar nicht recht ist, sich im Reichstag als Arbeitsloser darzustellen, dem das Arbeitslosengeld gekürzt wird. Der Außenminister allerdings macht eine gute Figur, als er gemeinsam mit seinen Staatssekretären vorspielt, wie diplomatische Verhandlungen hinter verschlossenen Türen laufen. Die Oppositionsführerin hat sichtlich Probleme damit, ihre Regierungskritik darstellerisch auf den Punkt zu bringen.