Unser Kanzler war, so hat man es gelesen, nach ursprünglichem Konzept zu einem vertraulichen Tête-à-Tête mit seinem mächtigen Ostfreund Wladimir Putin in Sankt Petersburg verabredet: Die beiden, der nüchtern-joviale Niederdeutsche und der spröd-kalkulierende Nordrusse, wollten sich über die weltpolitischen Aufräumaktionen nach dem amerikanischen Krieg besprechen, ihren Anteil am Aufbauwerk im zerbombten Mesopotamien (wohl auch an der Petroleumbeute), die Reaktivierung der Vereinten Nationen, womöglich über eine Annäherung an den siegreichen Feldherrn im Weißen Haus, der davor bewahrt werden müsse, sich nach den Ankündigungen großmäuliger Zivilstrategen als Nächstes auf Syrien oder auf den Iran zu stürzen.

Für den guten Willen, den dramatischen Bruch zwischen Deutschland und dem transatlantischen Partner halbwegs zu kitten, ließen sich unterdessen einige Signale registrieren: Die Visite Colin Powells – noch immer ein Garant der Mäßigung – bei der Nato und der Europäischen Union in Brüssel ließ sich als eine versöhnliche Geste deuten; Tony Blair warb bei Bush junior für die UN; sogar der Neo-con-Ideologe Robert Kagan ließ von seinen albernen Fantasmagorien über die amerikanischen Mars- und die europäischen Venusmenschen ab und billigte der Bundesrepublik ein gewisses Anrecht auf die Mitwirkung im postsaddamistischen Irak zu; überdies mahnten besonnene Senatoren, von den chauvinistischen Kindereien des French bashing and punishing Germany abzulassen.

Wladimir Putin und Gerhard Schröder aber blieben, wie man weiß, in Sankt Petersburg nicht allein. Vernunft, Takt und die neue Intensität der deutsch-französischen Kooperation legten ein Rendez-vous à trois nahe: So trat der kontinentale Dreibund Paris, Berlin und Moskau ein anderes Mal auf den Plan. Präsident Chiracs Anwesenheit gab der Interessengemeinschaft, die im entnervenden Streit um Krieg oder Frieden der amerikanisch-britischen Koalition so resoluten Widerstand geleistet hatte (von China behutsam unterstützt), einen nahezu institutionellen Rang. Damit könnte ein neuer Akzent in der Weltpolitik gesetzt sein.

In den Metropolen beginnt man, sich die Augen zu reiben. Die "Friedensachse Paris – Berlin – Moskau" wird nicht länger für eine flüchtige Konstellation gehalten. Offensichtlich gewinnt sie Dauer und Tragfähigkeit. Angesichts dieser Aufwertung fragt so mancher unserer Nachbarn, ob sich de Gaulles Vision von einem "Europa bis zum Ural", die einst für ein absurdes Verlangen nach grandeur zu zeugen schien, unversehens der Realität des 21. Jahrhunderts bemächtigt. Ist dies die neue geostrategische Wirklichkeit nach der Auferstehung Russlands aus den Trümmern des sowjetischen Imperiums? Wenn es so sein sollte: Was hieße das für Europa, das alte Kleineuropa, das sich aus der französisch-deutschen Symbiose nährt, was für das neue Großeuropa nach der Erweiterung, was für die partiell föderierte (und integrierte) Konföderation, für die in Brüssel eine Verfassung aus der Taufe gehoben werden soll? Kann der europäische Staatenbund, der zugleich ein Bundesstaat ist, auch neben einer Kontinental-Allianz mit Russland gedeihen, das nicht mehr der Große Bruder, doch dank seines Nukleararsenals noch immer ein gefährlicher Riese ist?

Nicht nur den Polen wird’s in der Seele bang, wenn sie an den neuen Dreibund denken: Sie haben unter den deutsch-russischen Verschwörungen zu oft, zu lange und zu bitter gelitten, und die Verstärkung durch Frankreich ist nicht dazu angetan, die historischen Albträume zu verscheuchen. Auch manches Gemüt auf dieser Seite der Oder verdunkelte sich, als Adam Michnik, der sonst so unverdrossen gut gelaunte Chefredakteur der Warschauer Gazeta, sich kürzlich danach erkundigte, was um Himmels willen mit dem "Weimarer Dreieck" geschehen sei: dem Gelöbnis der deutschen, französischen, polnischen Staats- und Regierungschefs samt ihren Außenministern, sie wollten künftig die Grundlinien ihrer Politik aufs engste koordinieren, um ein für alle Mal die unselige Konkurrenz der Allianzen in Osteuropa samt dem berüchtigten Cordon sanitaire zu verbannen. So, meinten die Polen – und so meinten wir –, werde das Gespenst einer russisch-deutschen Dominanz zulasten des chronischen Opfers endlich zum Teufel gejagt.

Wirft nun Rapallo ein anderes Mal seinen langen Schatten, der Pakt der beiden Aussätzigen, die im Jahre 1922 ihre Vereinsamung nach der Revolution und nach Versailles durch eine schüchterne Umarmung zu lindern versuchten? Im Gedächtnis der Welt hat sich der Name des oberitalienischen Touristenidylls als Synonym für Deutschlands verbockte Abkehr vom Westen eingegraben – und zugleich als Schlüsselbegriff für die latente Bedrohung "Zwischeneuropas" (von der auch ein aufgeklärter Geist wie Gustav Stresemann in seinen verborgenen revanchistischen Fantasien nicht lassen wollte).

Mit Konrad Adenauer aber hatten die Bürger der nagelneuen Bundesrepublik "den Westen" gewählt, und wir schienen endlich am Ziel unseres langen Weges (und Irrweges) angekommen zu sein. In den Bedrückungen unserer Katastrophe und den Ängsten des Kalten Krieges hatten wir uns – entgegen einer selbstmörderischen Tradition der nationalen Vertrotztheit – ein für alle Mal für die "stärkeren Bataillone" entschieden, wie es uns der natürliche Opportunismus der Besiegten, der Wille zum Überleben, wie es die Furcht vor den Kosaken Stalins und vor seinen Kommissaren befahlen.

Doch nicht nur: Wir beugten uns, als wir im Abgrund unseres Scheiterns zur Besinnung kamen, zunächst nolens und hernach volens der Überlegenheit der Demokratie mit ihrer ökonomischen Leistungskraft, ihrer sozialen Produktivität, ihrem kulturellen Reichtum. Wir öffneten uns endlich den vitalen Impulsen der Freiheit. Anders: Die Hinwendung zum "Westen" war nicht nur eine politische, eine wirtschaftliche, sondern auch eine geistige und moralische Entscheidung. Für sie fand Willy Brandt die klarsten Begriffe, als er mit der sozialliberalen Koalition einen "neuen Bürgergeist" beschwor: den Geist des französischen Citoyen und des angelsächsischen Citizen. Die amerikanischen Gründerväter, ob der geniale Jefferson, der liberalkonservative Adams oder der machtvolle Befreier Abraham Lincoln, zum anderen die Ahnherren der Freiheit unserer Nachbarn, ob Voltaire oder Danton, Lafayette oder Tocqueville: Wir erkoren sie allesamt zu unseren virtuellen Vorfahren, die uns so nahe waren wie Lessing und Goethe, der Ehrenbürger der französischen Revolutionsrepublik Friedrich Schiller, der Freiherr vom Stein oder der 48er Ludwig Uhland – eine historische Wahlverwandtschaft, in der wir uns lieber erkannten als im Alten Fritz, in Ernst-Moritz Arndt und selbst dem Fürsten Bismarck. Man durfte vom verspäteten Sieg der Aufklärung in Deutschland reden. Die "Ostpolitik" des Sozialdemokraten Brandt setzte die Verwurzelung im westlichen Bündnis voraus, das er gestärkt, nicht geschwächt sehen wollte. Er war es, man vergisst es leicht, der mit Georges Pompidou das Konzept für die Europäische Union sanktionierte.