Mehr als ein Erdhügel

Barbara Schmitt, 27, Deichbauingenieurin, hat die Pegelstände an Rhein und Main fest im Blick

Eigentlich wollte ich immer Häuser planen, deswegen habe ich das Bauingenieursstudium angefangen. Während einiger Seminare, die sich mit neuen Grund- und Erdbautechniken beschäftigten, also auch mit Tunneln, Deichen und Deponien, wurde mir klar, dass das die perfekte Verbindung zwischen Theorie und Praxis ist. Ich hatte mich nicht auf den Deichbau fixiert, aber als ich mich bei Björnsen Beratende Ingenieure (BCE) bewarb, suchte die Firma gerade für große Aufträge an der Mainmündung und in Rheinhessen neue Mitarbeiter. So wurde ich Deichbau-Ingenieurin.

Als Deichbauer ist man sehr vom Wetter abhängig. Wenn ich zum Beispiel ein Projekt am Rhein habe und es längere Zeit stark regnet, rufe ich mehrmals täglich die Pegelstände aus dem Internet ab. Werden die kritisch, muss die Deichbaustelle mit Sandsäcken gesichert werden.

Die Deichinstandsetzung hat seit der Flutkatastrophe des letzten Sommers in vielen Bundesländern höchste Priorität. In Deutschland sind alle Deiche zwischen 80 und 150 Jahre alt und für ein starkes Hochwasser viel zu niedrig und zu locker gelagert. Das heißt, sie bestehen nur aus Erdboden, der schnell aufweicht und durchströmt wird. Außerdem drückt das Grundwasser nach oben und greift den Deichfuß an. Früher habe ich gedacht, so ein Deich ist ja bloß ein Erdhügel, aber mittlerweile weiß ich, dass er ein ganz ausgeklügeltes Ingenieurbauwerk ist. Zu Material und Lage der Erddeiche wird laufend geforscht, und diese Erkenntnisse umzusetzen ist mein Job.

Ein guter Flussdeich besitzt drei Zonen: Das Innenleben besteht aus steinigem Material, wasserseitig gibt es eine wasserundurchlässige Schicht aus Ton, die an einen dichten Untergrund anschließen muss, landseitig wird durchlässiger Kies verwendet. Die optimale Breite der Deichkrone liegt bei drei Metern, an jeder Seite des Deichfußes gibt es noch einen fünf Meter breiten Schutzstreifen.

Ich kann natürlich den perfekten Deich nicht frisch und fröhlich in die Landschaft bauen, denn es spielen auch Faktoren wie Platz oder ökologische Aspekte eine Rolle. Eine zukunftsorientierte Maßnahme ist die Deich-rückverlegung. Das heißt, man lässt dem Fluss wieder mehr Raum, sodass bei hohem Wasserstand die Auen überflutet werden. Ein Thema, das ja auch im Zuge der Hochwasserkatastrophe stark diskutiert wurde. Ich werde auf jeden Fall noch viel zu tun haben, denn es sind Hunderte von Deichkilometern, die im Rhein-Main-Gebiet nach und nach saniert werden müssen.