In Honduras hatte ich einst das Glück, einem Pelikan aus nächster Nähe beim Futtern zuzusehen. Er flog so langsam, dass er abzuschmieren drohte, dann kippte er zur Seite, ging in den Sturzflug über und tauchte ein. Flatternd disponierte er sich danach an der Wasseroberfläche neu, streckte den Schnabel in die Höhe und schüttelte den Inhalt – zappelnde Fische – in den Schlund.

Ich war, in der Hängematte zwischen zwei Palmen baumelnd, begeistert von der Show. Viechern beim Futtern zuzusehen, darf schließlich auch Erwachsenen Spaß machen. Ich staune schon über Wespen beim Fleisch Fressen am Tellerrand. Und erst recht über Kühe. Stundenlang blähen sie mit ihren vier Pansen kauend vor sich hin – und bleiben doch stets an einem Stück. Kamele kauen weit in die Breite, gehen beim Mahlen extrem über die Flügel – und renken sich doch nie die Kiefer aus. Bei Geiern wiederum hab ich mich immer wieder voller Bewunderung gefragt, wie deren Mägen das aushalten. Als ich mit Freunden zentralamerikanischen Zopilotes beim Verspeisen eines totgefahrenen Esels zuschaute, gingen wir in den Überlegungen einen Schritt weiter: Würde es unser Magen aushalten, wenn wir einen Geier verspeisten? Der Biologe in der Runde empfahl, zumindest von Leber und Niere die Finger zu lassen.

Aber auch über Pflanzen kann man staunen. Äußerst raffiniert agiert zum Beispiel der Wasserschlauch, der den lateinischen Namen Utricularia vulgaris trägt. Er wächst aus Moorgräben in die Höhe. Das Grünzeug stärkt sich, indem es unter der Wasseroberfläche mit tausenden zwei bis vier Millimeter großen Bläschen kleinste Wassertiere schlemmt. Jedes dieser Fressbläschen ist eine hinterhältige Kastenfalle, von Wasser leer gepumpt und durch eine Klappe verschlossen, die sich nur nach Innen öffnen kann. Paddelt nun hurtig ein leckeres Zweighornkrebschen daher – entzückt vom abgesonderten Schleim der Pflanze – und streift eines der feinen Sinneshaare des Wasserschlauchs, ist es bereits verloren. Die angespannten Blasenwände schnellen nach außen, die Klappe nach innen. Mitsamt Umgebungswasser wird der Moorfood in die Falle geschlürft. Zwei Millisekunden nachdem der tierische Winzling das Sinneshärchen berührt und den Vorgang ausgelöst hat, ist die Klappe schon wieder zu. Da hat das arme Getier nicht die geringste Chance.

Der fiese Krebschenvernascher trickst munter weiter, sobald das Tier gefangen ist. Bevor sich Utricularia vulgaris nämlich ans Verdauen macht, pumpt sie das Wasser aus dem Bläschen heraus. Unverdünnt wirken dann die über Drüsenschläuche eingespritzten Verdauungssäfte auf die Beute ein. Eine Art tierische Mägen in gigantischer Anzahl hat sich die Wasserschlauchpflanze zugelegt. Und jedes dieser Todeskistchen war einst vermutlich ein ganz normales, grünes Blatt und lebte friedlich von Photosynthese – bis es unter Zuhilfenahme evolutionärer Vorgänge unter Wasser zum tierischen Magen wurde, der massenweise Schalentiere verputzt. Bei aller Liebe zu dieser unorthodoxen Essmethode: Die Vorstellung, auch als Mensch die Kulinarien vor dem Essen verdauen zu müssen, um sie in den Magen zu kriegen, hat mir nie sonderlich behagt.

Allerdings ist der Schmaus auch dann nicht garantiert, wenn die Auflösung der Nahrung in ihre Bestandteile erst im Magen über die Bühne geht. Wale taten mir immer besonders leid. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es sich bei ihren Gesängen um fröhliche Darbietungen handelt: ein Leben lang Krill! Die meisten von ihnen schlucken bloß, kein Kauen. Nicht mal Schnupppern. Die armen Schlangen kommen genauso wenig zum Kauen und sehen beim Schlingen immer verkrampft aus. Dabei weiß unsereiner doch, dass sich beim entspannten Kauen der größte Genuss entfaltet.

Nein, tauschen mit Tier- oder Pflanzenwelt ist keine Perspektive. Der Pelikan kann sich zwar aus der Vogelperspektive die Fische aussuchen und wirkt beim Mampfen recht glücklich – aber wo bleiben die Beilagen? Der Geier kann kaum über mangelnde Würze klagen – aber wo bleibt die Frische? Die Fleisch fressende Pflanze braucht keinen Schritt zu tun – wie gut tut ein Spaziergang nach dem Essen. Die Blattschneiderameise züchtet im Bau köstliche Pilze – aber Demokratie schmeckt auf jeden Fall besser als Monokultur. Der Affe sucht sich täglich frische Früchte – und knabbert Läuse.

Glücklich menschlich
Ihr Urs Willmann