Die nächste große Epidemie kam im Jahr der Revolution von 1848. In Berlin trat sie erstmals im Juli auf, der Erreger gedieh vor allem in der warmen Jahreszeit (er braucht eine Durchschnittstemperatur von 17 Grad; wird sie für einige Zeit unterschritten, kann er sich nicht vermehren). Der erste Tote war "ein Fuhrmann vom Schiffbauerdamm, der in der Nacht … plötzlich unter heftigem Durchfall, Brechen erkrankte … und ein cyanotisches Aussehen bekam, pulslos und marmorkalt wurde, während er über brennende Hitze innen klagte und nach 7 1/2 Stunden in der Charité starb", schrieb die 1848 neu gegründete Zeitschrift Medicinische Reform. Bis Dezember 1848 hatte Berlin 1595 Tote zu beklagen, weitere 3500 Berliner starben im folgenden Jahr.

Auch die Königinmutter fällt der Krankheit zum Opfer

In ganz Preußen gab es 1848/49 mehr als 85000 Cholera-Fälle. Tatsächlich: Die Zahl der Märzgefallenen von 1848 war viel niedriger (nämlich 190) als die der Cholera-Toten. Trotzdem verlieren die historischen Fachbücher über die Erhebung von 1848 in der Regel nicht ein Wort zur Seuche. Dabei begriffen einige Revolutionäre durchaus schon die soziale und politische Dimension der Krankheit. "Epidemien gleichen grossen Warnungstafeln, an denen der Staatsmann von grossem Styl lesen kann, dass in dem Entwicklungsgange seines Volkes eine Störung eingetreten ist, welche selbst eine sorglose Politik nicht länger übersehen darf", schrieb der revolutionäre junge Arzt Rudolf Virchow damals.

Bis zur Jahrhundertmitte trat die Cholera im Norden und im Süden Deutschlands auf. Die Stadt Nürnberg, die an keinem schiffbaren Fluss lag, war bisher verschont geblieben. Seit 1852 jedoch bestand zwischen München und Nürnberg eine direkte, vergleichsweise rasche Eisenbahnverbindung, die Fahrzeit betrug rund sieben Stunden. Und nun erreichte die Seuche auch die alte Dürer-Stadt. Der Zusammenhang liegt auf der Hand: Solange die Fahrt mit der Kutsche etwa ebenso lange dauerte wie die Inkubationszeit der Cholera, das waren in den meisten Fällen zwei Tage, konnte diese Krankheit kaum von München nach Nürnberg gelangen, denn wer sich in München infizierte und die Kutsche nahm, erkrankte unterwegs und blieb im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke. Mit der Bahn wurde das anders: Wer sich jetzt in München ansteckte und tags darauf den Zug bestieg, erreichte Nürnberg vielleicht noch scheinbar wohlauf und konnte den Erreger in Ruhe verbreiten.

Im Sommer 1854 fand in der bayerischen Hauptstadt eine Industrieausstellung statt. Sie wurde von 200000 Personen besucht, an einzelnen Tagen waren es 5000 und mehr. Da brach in München die Cholera aus. Eine Zeit lang versiegte der Besucherstrom, dann schwoll er wieder an. Am 10.August 1854 reiste der Nürnberger Fabrikant Wilhelm Spaeth todkrank aus München zurück und starb, der erste Nürnberger Cholera-Tote. In den folgenden Wochen hatte die Stadt ihre erste und einzige Cholera-Epidemie. Sie forderte rund 300 Todesopfer. Die meisten Kranken wohnten in der Südstadt, in der Nähe des Fischbachs, der noch immer offen durch die Stadt floss, verschmutzt vom Wäschewaschen und vielerlei Unrat.

Ganz Bayern zählte in diesem Sommer an die 15000 Cholera-Fälle und 7370 Tote, München allein 2220. Das prominenteste Opfer war die Königinmutter Therese, die Gemahlin LudwigsI. Sie starb Mitte Oktober 1854, kurz vor dem Erlöschen der Seuche. "Auf der Ferne liegen blutig dunkel die Donnerwolken des Krieges, und über die Nähe haben Krankheit, Hunger und Not ihren unheimlichen Schleier gelegt; – es ist eine böse Zeit", schrieb Wilhelm Raabe Mitte November 1854, gleich zu Beginn seiner Chronik der Sperlingsgasse, auf den Krimkrieg und die Cholera-Epidemie anspielend.

Woher rührte die Seuche? Was dachten die Zeitgenossen? Ein prominenter Gelehrter, Max Pettenkofer – er erhielt 1865 den ersten deutschen Lehrstuhl für Hygiene –, trug eine Theorie vor, die den Boden als wichtige Ursache nahm. Pettenkofer dachte wie so viele andere an Ausdünstungen, Miasmen, die aus dem Boden aufstiegen und krankmachend wirkten. Er untersuchte die Lagen vieler Häuser im südlichen wie im nördlichen Bayern und kam zu der Auffassung, dass die Beschaffenheit des Bodens ganz entscheidend sei. "Mir ist bis jetzt kein Ort bekannt geworden, welcher von der Cholera epidemisch ergriffen worden wäre, soweit derselbe auf Felsen liegt", schrieb er. "Es war mir interessant, während meines Aufenthaltes in Würzburg zu vernehmen, daß Professor Johann Lukas Schönlein bereits vor Jahren den Ausspruch gethan, die Stadt Würzburg würde nie von der Cholera heimgesucht werden, weil sie auf einem eigenthümlichen Felsen liege. … Meine Ansicht, warum felsiger Grund der Häuser vor der epidemischen Entwicklung der Cholera schütze, geht dahin, daß sich in einem solchen Boden diejenigen Stoffe, womit der Mensch seine Wohnplätze verunreinigt, nicht einsaugen und ausbreiten können."