Anfang August 1892 begann die Cholera zu wüten. Die Behörden der Hansestadt wollten zunächst nichts sehen, beschwichtigten – wie es Thomas Mann in seinem Roman Tod in Venedig (1913), übertragen auf die Verwaltung der Lagunenstadt, geschildert hat. Die einfache Bevölkerung war weniger sorglos als ihre Obrigkeit, schließlich ging es um ihr Leben. Sie flüchtete, soweit sie konnte, aus der Stadt. Am 22.August 1892 wurden an den Hamburger Bahnschaltern über 8000 Fahrkarten mehr verkauft als an anderen Tagen. In den Kirchen wurden Fürbittgottesdienste abgehalten, die Hamburger drängten in die Gotteshäuser. Erst jetzt begann der Senat aufzuwachen und erließ erste Maßnahmen zum Schutz der Öffentlichkeit.

Besonders betroffen von der Seuche waren, wie gesagt, die Armenviertel, Alt- und Neustadt also, wo die Menschen in unbeschreiblicher Enge hausten, in einer Art Fachwerk-Slum. Als Robert Koch, der Leiter des Kaiserlichen Gesundheitsamtes, die Zustände gewahrte, war er entsetzt. "Ich habe noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungsstoff angetroffen wie in den sogenannten Gängevierteln, die man mir gezeigt hat, am Hafen, an der Steinstraße, an der Spitalerstraße oder an der Niedernstraße", schrieb er. "Ich vergesse, daß ich in Europa bin."

Die Nachricht von der Seuche flog wie ein Lauffeuer durchs Land. Noch 600 Kilometer weiter südlich, in Nürnberg, wo gerade die 65. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte vorbereitet wurde, erfasste die Wissenschaftler leichte Panik. Man verschob den Kongress auf das folgende Jahr, obwohl die Festschrift schon gedruckt war.

Als die Hamburger Epidemie nach drei Monaten im Oktober 1892 zu Ende ging, zählte man mehr als 8500 Todesopfer, 13 Promille der Bevölkerung. Im benachbarten Altona, das damals noch preußisch war, starben wenig mehr als 2 Promille, und in Wandsbek war die Cholera-Sterblichkeit noch geringer. Warum nur Hamburg so heftig ergriffen wurde, lag auf der Hand: Es entnahm sein Trinkwasser direkt aus der Elbe und besaß keine einzige wirksame Reinigungsanlage.

Im 20. Jahrhundert starben noch einzelne Deutsche, vor allem Soldaten, an der Cholera – meist außerhalb des Reiches. Die Cholera zog sich rasch aus Europa zurück, dorthin, woher sie gekommen war, in das südliche Asien, wobei die Sterblichkeit nun infolge der Behandlung mit Antibiotika und Kochsalzlösungen deutlich niedriger war als in der Vergangenheit. In den Ländern Asiens und im östlichen Afrika trat sie noch vor 30, 40 Jahren nicht selten auf. Sie breitete sich sogar ostwärts über den Pazifik aus. In Südamerika hat es in den 1990er Jahren in einigen weitläufigen Epidemien mehrere hundertausend Fälle von Cholera gegeben. Und wenn sie auch für uns in Europa heute keine Bedrohung mehr darstellt, so erinnert ihre Geschichte uns doch daran, wie rasch Krankheiten in einer zusammenwachsenden Welt alle Grenzen überwinden.

Der Autor ist Historiker und lebt in Rohrdorf bei Rosenheim