die zeit: Frau Dückers, Ihr Roman Himmelskörper ist eine Melange aus nüchternen Betrachtungen und märchenhaften Momenten.

Tanja Dückers: Die ersten Kapitel des Romans handeln von der Kindheit meiner Hauptfiguren Freia und ihres Zwillingsbruders Paul und davon, wie der Krieg und die Kriegsversehrtheit des Großvaters in das Idyll einbricht. Die beiden leben am Stadtrand, dicht an der Natur, und ihre Fantasie gibt allem märchenhafte Züge. Mit der Zeit verstehen sie, dass zum Beispiel der Berliner Teufelsberg gar nichts mit dem Teufel zu tun hat, sondern ein Schuttberg aus dem Zweiten Weltkrieg ist. Die Märchenwelt weicht immer weiter zurück. Die Kinder begreifen langsam, was ihre Großeltern erlebt haben, was passiert ist, genau an dem Ort, an dem sie unbefangen aufwachsen, und das kindliche Idyll wird langsam zerstört durch Erkenntnis.

zeit: Es ist ein Entwicklungsroman?

Dückers: Der Roman umfasst eine recht lange Zeitspanne. Die Hauptfigur ist am Anfang noch ein Kind, später – sie ist Ende 20, Anfang 30 – bekommt sie selbst ein Kind. Ich wollte mir Zeit lassen, dieses Thema der "Enkelgeneration" zu entrollen.

zeit: Sie haben anfangs nur Erzählungen geschrieben. Ist auch dieser Roman aus Erzählungen zusammengesetzt?

Dückers: Ja, wobei es ein übergeordnetes Thema gibt, das eines Familiengeheimnisses. Bei der Auflösung der Wohnung ihrer Großeltern finden die Zwillinge kompromittierende Dokumente und lüften schließlich dieses Geheimnis aus der NS-Zeit. Aber ich finde, dass es im Leben nicht nur ein Thema gibt, es gibt immer Nebenthemen, Nebenschauplätze und Binnengeschichten. Mein Roman sollte wie ein lebendiges Stück Familiengeschichte klingen. Der Vater hat zum Beispiel Freundinnen gehabt und seinen Kindern erzählt, es seien Elfen. Die Ehe ist ein Nebenschauplatz des Buches.

zeit: Die deutsche Vergangenheit ist in siebziger Jahren stark hinterfragt worden. Ist das immer noch aktuell?

Dückers: Ich finde, dass die Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs und die anschließende Neuordnung der Welt höchst aktuell sind. Man braucht nur das Radio anzustellen – die Krise der transatlantischen Allianz, die Gestaltung Europas – all diese Konflikte sind eine Folge jener Zeit. Und ich glaube, dass meine Generation einen eigenen Beitrag leisten kann zu dieser Vergangenheitsbewältigung. Die 68er hatten doch ein emotional angestrengteres Verhältnis zu ihren Eltern, zu der Tätergeneration, da war eine Konfrontation von zwei Generationen, die beide den Krieg noch erlebt hatten. Meine Generation ist die erste, die einen nüchternen Blick auf dieses Thema wagen kann. Ich fände es bedenklich, wenn aus der Tatsache, dass meine Generation den Krieg nicht erlebt hat, ein Authentizitätsdünkel der Älteren erwüchse. Nicht umsonst ist die Protagonistin meines Romans Naturwissenschaftlerin, Meteorologin. Ich wollte diesen forschenden Zugang. Es ging mir nicht darum, dass die Enkelin mit den Großeltern bricht. Die Großeltern sollten zum Erinnern bewogen werden.

zeit: Freia hat eine sehr enge Beziehung zu ihrem Zwillingsbruder. Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen den beiden?

Dückers: Der Zwillingsbruder von Freia ist Künstler und das Gegenstück zu ihr, der Naturwissenschaftlerin. Sie ergänzen sich. Sie fühlen sich beide erdrückt von den Dingen, die die Großeltern und Eltern gesammelt, gehortet und archiviert haben – ohne sie angeguckt oder wirklich verarbeitet zu haben. Bei der Wohnungsauflösung der Großeltern betrachten sie jeden einzelnen Gegenstand und versuchen in einem Bild, das Paul malt, einen subjektiven Eindruck von diesem Gegenstand einzufangen, bevor sie ihn wegwerfen. Es ist das Eingeständnis, dass Geschichte nie ganz objektiv sein kann, dass man immer einen persönlichen Zugang finden muss. Selbst wenn es Briefe sind, die die Großeltern an Göring geschrieben haben.

zeit: Der jungen Generation – Sie selbst sind 34 Jahre alt – wird oft nachgesagt, sie beschäftige sich nur mit sich selbst und ihrem Alltag. Sind Sie eine Ausnahme?

Dückers: Das wäre wohl eitel, wenn ich so etwas sagen würde. Es würde auch nicht stimmen. Marcel Beyer und sein Roman Flughunde, Thomas Lehr oder auch Jörg Bernig oder Tanja Langer – es gibt schon einige Autoren, die sich in den letzten Jahren mit dem Thema der NS-Zeit beschäftigt haben.

zeit: Vor einigen Monaten ist ein Buch erschienen, Der Brand. Autor Jörg Friedrich thematisiert darin das deutsche Leid im Zweiten Weltkrieg.

Dückers: Dass im Moment in Deutschland solche Bücher publiziert werden, überrascht mich nicht. Deutschland liegt nach der Wende nicht mehr am Rande von Westeuropa, sondern in der Mitte, und es möchte sich von seiner Vergangenheit befreien. So entdeckt es das eigene Volk als leidendes Opfer. Das scheint mir dem Wunsch zu entspringen, sich der schäbigen Vergangenheit zu entledigen. Ich finde das bedenklich. Ein Beispiel ist die Wilhelm Gustloff, das Flüchtlingsschiff, das auch in meinem Roman eine Rolle spielt. Es wird oft übersehen, dass dieses Schiff Tarnanstrich trug, dass es Flaks an Bord hatte, dass über 1000 Marinesoldaten, Marineoffiziere an Bord waren, dass es keineswegs ein reines Zivilistenschiff war. Auch in meiner Familie gab es Verwandte, die mit der Gustloff fliehen wollten – und das Schiff knapp verpasst haben. Ich hätte dieses Buch nicht geschrieben, wenn ich mir nicht selber Fragen über meine Großeltern und andere Verwandte gestellt hätte. Ich habe ähnlich wie Paul und Freia aus meiner Familiengeschichte und vielen Dokumenten, aus der Wirrnis der Eindrücke und Gesprächsfetzen in meinem Kopf einen Roman gemacht.