Er sagt, dass es Geschichten gibt, die dem Feuer der Wüste vorbehalten sind. Abdellah Naji lächelt hinter einem Schleier aus Licht, den das Wasser im Pool des Hotels auf sein schmales Gesicht wirft, und faltet die Hände im blauen Schoß seiner Gandoura. Ein Angestellter fischt mit Netzen nach toten Insekten im Schwimmbecken. Fliegen, überall Fliegen, ein unablässiges Schwirren und Krabbeln und Surren und Suchen, nach Wasser und Schweiß, bis sie den Tod finden. Nein, sagt Abdellah, ich möchte Ihnen die Geschichte nicht hier in Ouarzazate erzählen, später, am Feuer, wenn wir angekommen sind. Wir brauchen mehr Kilometer zwischen uns und der Stadt, mehr Zeit, vielleicht auch mehr Vertrauen.

Daniela Vogt war mit ihrem Bruder in Marokko unterwegs, als sie vor vier Jahren Abdellah Naji kennen lernte. Die beiden Deutschen hatten damals ihre Wüstentour bei einem Veranstalter gebucht, der sich das Prädikat "ökologisch wertvoll" verliehen hatte. Nach wenigen Tagen stellten sie fest, dass die Nomadenfamilie, die sie aufnahm, seit Monaten kein Geld von den Organisatoren gesehen hatte. "Sie brachten es aber nicht übers Herz, die Besucher einfach abzuweisen, und führten die deutschen Touristen trotzdem durch die Wüste, auf eigene Kosten." Am Flughafen von Ouarzazate kam Daniela Vogt mit Abdellah Naji ins Gespräch, zufällig. Sie grinst, bevor sie zitiert, was Nomaden dazu sagen würden: Der Zufall ist besser als tausend Rendezvous.

Die Diplompsychologin aus Marburg und der Anthropologiestudent aus Marokko unterhielten sich über ihre Vorstellungen von gerechtem Tourismus, über das, was Daniela Vogt als "Basissolidarität" bezeichnet. Am Hohen Atlas habe sie gefunden, was sie viel eher im Himalaya vermutet hätte. Auf ihrem T-Shirt leuchtet eine vielarmige Gottheit in der Mittagssonne. Sie sagt, dass sie Buddhistin sei, aber die gängigen Klischees dazu scheitern schon an ihrem Unwillen, ein großes Thema daraus zu machen. "Über Grenzen hinweg Menschen zusammenbringen, das klingt jetzt vielleicht sehr kitschig, aber das war die Idee." Der Rest war eine Frage von wenigen Monaten.

Im März 2000 gründeten Vogt und Naji in Deutschland und Marokko die Vereine Azalay – Hilfe zur Erhaltung der nomadischen Lebensform, dazu das Tourismus- und Sozialprojekt Société Renard Bleu Touareg, um anders durch die Sahara zu reisen, mit Trekking-Gruppen zunächst, begleitet von den "blauen Männern", den Tuareg, deren traditionelle Salzkarawanenrouten längst nationalstaatliche Konflikte und Grenzen durchkreuzen.

Mit dem erwirtschafteten Mehrwert baute Azalay ein halbes Jahr später den ersten Brunnen in der Wüste, mittlerweile sind es sechs, dazu kamen Familienpatenschaftsprogramme und das bisher größte Projekt für ein Ambulanz- und Schulzentrum im Wüstengebiet von Chegaga, wo sich die Wanderrouten der Nomadenkonföderation der Âaribe kreuzen. Vier bis sechs Jahrgänge sollen hier später in zwei Klassen unterrichtet werden, 89 Kinder sind bereits angemeldet.

Daniela Vogt schüttelt ihre roten Locken und seufzt, wenn sie von "Dingen" spricht, die sich in Marokko nur schwer bewegen lassen, von Steinen, die sowohl lokale Tourismusunternehmer als auch konkurrierende Entwicklungshilfegruppen dem Marburger Verein in den Weg legen und versuchen, gegen Azalay Stimmung zu machen. Jel Hassan, der Bauunternehmer, der das Projekt in Chegaga betreut, erzählt von Plaketten, die von Brunnen verschwinden, und Tourveranstaltern, die ihn davon abbringen wollten, den Bau fertig zu stellen. "Sie wollen nicht, dass ihre eigenen Gruppen anfangen zu fragen, was eigentlich mit dem Geld passiert, das sie für die Wüstentouren bezahlen. Wo die Brunnen sind, die von den anderen nie gebaut wurden."

Jeeps hüpfen über Dünen, schlingern im Sand wie auf Eis

Die zähe Bürokratie, Anderkonten und unzähligen Reisen in die Hauptstadt Rabat für jede Unterschrift zählen zu den Hürden, an denen Nomaden scheitern müssen. Die wenigsten von ihnen können lesen und schreiben. Abdellah Naji ist der Einzige seiner Familie vom Tuareg-Stamm der Nouaji, der eine Schule besucht hat, doch es fehlen noch viele Kilometer bis zu den Dünen der Sahara und dem Feuer der Wüste, das seine Geschichte braucht.

Am späten Abend empfängt Abdellah am kleinen Flughafen die neue Reisegruppe aus Deutschland. Sie sind die Ersten, die elf Tage in einem festen Wüstencamp der Nouaji verbringen werden, in Workshops malen, schreiben, fotografieren und meditieren, 57 Menschen – 57 neue Mitglieder für Azalay, vermutlich. Abdellah sagt, bisher seien noch die meisten seiner "Besucher" dem Verein beigetreten, einige kehren immer wieder in die Wüste zurück. Ein nomadisches Sprichwort sagt: "Wenn man etwas einmal tut, wird man es vielleicht auch ein zweites Mal tun. Wenn man es aber zweimal getan hat, dann ganz sicher auch ein drittes Mal."

Die Sympathie für das Projekt könnte mit dem zu tun haben, wofür die Société Renard Bleu Touareg im März auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin mit dem To-Do-Preis für sozialverantwortlichen Tourismus ausgezeichnet worden ist: Waren die Nouaji in der Region früher mit einem "fremdbestimmten und postkolonial auftretenden Tourismus konfrontiert", bietet ihnen Renard Bleu Touareg nun die Möglichkeit, "das Heft des Handelns" selbst in die Hand zu nehmen, heißt es in der Jury-Begründung des Studienkreises für Tourismus und Entwicklung, eine Chance, "ihre am Gemeinsinn orientierten Werte zu wahren" und den Wüstenbesuchern mitzuteilen. "Abdellah ist nur nominell der Chef", sagt Daniela Vogt. "Er bezahlt die Verbindlichkeiten der Sozietät, der Rest geht an die Gemeinschaft – da gibt es kein individuelles Eigentum." Sie zuckt nicht, während eine Fliege über ihr Lächeln krabbelt. Hinter ihrem Rücken auf der Sitzbank leuchten die Farben und Muster der Polster.

Die Fahrt ins Camp führt über braune kahle Berge und Pässe nach Süden, vorbei an den saftigen Pfützen der Oasen und Palmen, die sich im Draâ-Tal zu einem blassgrünen See aus Blättern verdichten, dazwischen jahrhundertealte Kasbahs. Hinter Zagora, wo früher die großen Transsahara-Karawanen ins 52 Tagereisen entfernte Timbuktu starteten, reicht der Asphalt noch bis nach Mhamid, knapp 50 Kilometer westlich der algerischen Grenze. Dann endet die Straße, die restliche Strecke hüpfen die Jeeps über Dünenbeulen, schlingern im Sand wie auf Eis. Inmitten einer großen Fläche schließlich, die als Lichtung durchginge, wäre sie von Bäumen statt von Sand umgeben, stehen Zelte im Quadrat, auf einer Erde, so trocken, dass die Risse den Boden zu Pflasterbrocken brechen. Sand dämpft das Echo und schluckt Geräusche. Im großen Gemeinschaftszelt wartet der Teekönig, le roi du thé.

Die ehrenvolle Aufgabe der Teezeremonie übernimmt stets der Älteste des Stammes, der als Einziger die Kopfbedeckung (Chech) in Weiß trägt, Farbe des Respekts. Blau gilt den Tuareg als Farbe des Schutzes, Indigo schützt die Haut, ohne die Poren zu verstopfen. Die meisten Chechs werden längst mit Chemiemixturen gefärbt.

Im Zelt, hinter Wollwänden, die vor Wind, Sonne und Kälte schützen, heizt der Teekönig den Kohlen mit einem Blasebalg ein, hebt und senkt den Unterarm mit sanften Bewegungen, als streichle er den Kopf eines Kindes. Die weißen Wüstenbesucher sitzen im Halbkreis um ihn herum, ehrfürchtig, barfuß und erschöpft. Einige klagen über Rückenschmerzen, am ersten von elf lehnenlosen Tagen am Boden, während der Teekönig unzählige Zuckerbrocken in silbernen Kannen versenkt, den Tee aus großer Höhe in ein Glas schenkt, zurück in die Kanne, wieder einschenkt, zurückschenkt, einschenkt, bis ihm etwas, das wohl zu den Wundern der Wüste zählt, bedeutet, dass der Tee zum Servieren bereit ist. Sand knirscht auf den Tabletts. Das Zeremoniell durchläuft drei Runden: die erste Tasse bitter wie das Leben, die zweite Tasse süß wie die Liebe und die dritte Tasse sanft wie der Tod. In der Mitte aussteigen gilt nicht.

"Ich versuche immer nachzuspüren, wie die Tuareg uns empfinden, aber es gelingt mir nicht." Daniela Vogt erzählt von einem Nomaden, der sich eines Abends zu ihnen ans Feuer setzte und die Ausrüstung der trekkenden Europäer betrachtete. Sie hätten offenbar für alles etwas erfunden, sagte er und fügte nach einer Pause hinzu: Wahrscheinlich liegt das daran, dass ihr Angst vor dem Tod habt, aber gegen den Tod habt ihr trotzdem noch nichts erfunden. Daniela Vogt sagt, dass er lachte.

Touristen kehren mit tätowierter Seele nach Hause zurück

Im Französischen und Spanischen ist die Wüste männlich, trotz weicher Wogen und endloser runder Hügel. Hassania, die Sprache der Nouaji, kennt drei Begriffe für die Wüste, zwei davon weiblich, alles andere wäre auch indiskutabel in Anbetracht des Offensichtlichen, obwohl die Sahara-Gesellschaften als sehr schamhaft gelten. Kinder werden nach dem Arrangement ihrer Eltern verheiratet, die Ehepartner sehen einander nie nackt. Markant geformte Berge des Atlas vergleicht der Fahrer auf dem Weg ins Camp mit einem marokkanischen Keramikkochtopf, der Tajine.

Wenn der Abend die Sonne zur blassen Scheibe dimmt, wirken die Dünen wie gefrorene Wellen, aber wahrscheinlich sind die ewigen Wasserassoziationen, die in der Wüste den Kopf fluten, nur Ausdruck einer hilflosen Suche nach Worten. Es gehört zum Programm, dass Abdellah vor dem Abendessen die Besucher am großen Lagerfeuer in seiner Familie willkommen heißt. "Touristen", sagt er, "gehen in Fünf-Sterne-Hotels, fahren kurz in die Wüste, und das Einzige, was sie mit nach Hause nehmen, ist ihre gebräunte Hautfarbe. Besucher lassen sich auf uns ein, teilen mit uns nicht nur die schönen, sondern auch die schwierigen Seiten des Lebens in der Wüste. Sie verzichten auf Komfort und kehren mit tätowierter Seele nach Hause zurück." Keine Geschichte, die das Feuer der Wüste braucht, aber eine, der es zufällig zuteil wird an diesem Abend.

Auf die Frage, wie das gegenseitige Kennenlernen funktionieren kann, wenn nur wenige der Nouaji Französisch sprechen, erwidert Abdellah, allein die Nähe mache eine Sprache ohne Worte möglich. Während der kommenden Tage werden die Besucher sie begleiten, auf Dünen sitzen und ihre Gedanken in den weiten Himmel entlassen, in Zeltfalten sitzen und kochende Frauen porträtieren, Prosa über gelbe Wüstenblumen schreiben, einander auf Dromedarhöckern fotografieren und lernen, die meditativ erreichten Höhen erst dann mit fuchtelnden Armen zu verlassen, wenn die Fliegen bis in ihre Nasenlöcher gekrochen sind. Sie werden beobachten und beobachtet werden. Niemand wird alles Erlebte verstehen können, aber nicht jeder wird versuchen, sich darüber mit zu klein geratenen Erklärungen hinwegzutäuschen. Den Nouaji bleibt das gewählte Leben in der Wüste.

Zwischen bitterem Leben und sanftem Tod erzählt Daniela davon, wie sie mit einer Trekking-Karawane an einem der Azalay-Brunnen campierte, an dem sich schon eine Nomadenfamilie niedergelassen hatte. Abdellah habe den Mann nur mühsam davon abhalten können, eine Ziege für die Gruppe zu schächten. "Das muss man sich mal vorstellen: Das ist so, als würden wir unseren Kleinwagen verkaufen, um eine Horde Araber zu verköstigen, die auf einmal bei uns vor der Tür stehen."

Nach der letzten Tasse Tee verteilen sich die Besucher mit ihren Schlafsäcken unter dem schwarzen Himmel, verschwinden hinter Sandbergen oder in einem der Sechsteppichzelte. Pro aufblasbarer Isomatte gibt es im Wüstenhotel einen Komfort-Stern, es sei denn, sie haben nach der ersten Nacht ein Loch. Lichtkegel von Taschenlampen irren über die abgelegenen Zahnputz- und Toilettendünen. Am erloschenen Feuer schlurfen Schritte über den trockenen Boden; das Geräusch mischt sich mit den Stimmfetzen der Tuareg im Morgengrauen. Der Teekönig beginnt den Tag mit seinem Ruf "Atai, atai, atai!" – Zeit für die Rückkehr ins Leben, das manchmal hart ist, aber selten so bitter schmeckt, wie der erste Tee sein soll.

Wenn die Zeit drängt, müssen manche Geschichten, die das Feuer der Wüste brauchen, mit einem Sandsturm vorlieb nehmen. Abdellah hat sich den indigoblauen Chech, der sein Gesicht färbt, vor Mund und Nase gezogen. Er sieht in die staubige Luft, während er von der Zeit erzählt, als er seine Familie verlassen musste, um Lesen und Schreiben zu lernen. Seine hellbraunen Augen lassen den Horizont nicht los.

Abdellah war sechs Jahre alt, der Westsahara-Konflikt hatte gerade begonnen, als die Regierung die Nomaden der Wüste zwang, von jedem Stamm einen Mann zu bestimmen, der in den Militärcamps am Rande der Sahara leben und arbeiten sollte. Der Mann, der gehen musste, nahm Abdellah mit, auf dass er Lesen und Schreiben lerne. Und die Mutter weinte bitterlich. Nie zuvor hatte der Junge Häuser mit Mauern, Männer ohne Chech und Gandoura gesehen, nie zuvor in einem geschlossenen Zimmer geschlafen, ohne die Sterne über seinem Gesicht. Abdellah erschrak. Der Verlust seiner Freiheit bereitete ihm großen Kummer. Im Laufe der Jahre jedoch lernte er Lesen und Schreiben lieben. Abdellah ging in die Stadt, zum Studieren. In Agadir lernte er kennen, was ihm am fremdesten gewesen war: soziale Ungleichheit, die Villen der Wohlhabenden neben den Hütten der Armenviertel.

"Ich begriff, dass ich für meine Leute etwas tun musste, damit unsere Kultur nicht verschwindet, dass ich dafür sorgen kann, dass Menschen aus dem Ausland lernen, wie wir leben und was bei uns wichtig ist. Ich selbst konnte die Schule nur durch Zufall besuchen. Aber ich will, dass auch andere Nomadenkinder diese Erfahrung machen können. Es ist ihr Recht, Lesen und Schreiben zu lernen." Abdellah zieht den Blick vom Horizont und neigt den Kopf zur Seite. Er lächelt.

Information

Anreise:
Von Frankfurt am Main fliegt Royal Air Maroc täglich über Casablanca nach Ouarzazate, Preis ab 300 Euro plus Gebühren. Das Azalay-Wüstencamp liegt 250 Kilometer südöstlich von Ouarzazate, die Fahrt im Jeep dauert gut vier Stunden

Unterkunft:
Teilnehmer der Wüstentouren von Renard Bleu Touareg verbringen die erste sowie die letzte Nacht ihres Aufenthalts in Ouarzazate im Hotel La Vallée (DZ ab etwa 25 Euro; Tel. 00212-4/854034), etwas abseits des Stadtzentrums gelegen. Die Teilnahme am insgesamt 14-tägigen "Interkulturellen Camp" kostet 1425 Euro, inklusive Flug, Hotelübernachtungen, Transfers, Vollverpflegung, Workshop-Teilnahme und deutscher Reiseleitung. Termine für das nächste Camp sowie Trekking-Karawanen auf Anfrage bei Azalay e. V., Daniela Vogt, Huteweg 2, 35085 Ebsdorfergrund, Tel. 06424/964409, www.azalay.de

Beste Reisezeit:
Von März bis Mai sowie während der Monate September und Oktober. Für die kalten Nächte in der Wüste sind warme Kleidung und dicke Schlafsäcke erforderlich, wobei die Temperatur – anders als im Winter – nicht bis auf den Gefrierpunkt sinkt

Literatur:
Eine Einführung in Geschichte und Kultur der Tuareg vermitteln die Bücher des nigrischen Aktivisten Mano Dayak: "Die Tuareg-Tragödie"; Verlag Horlemann, Bad Honnef; 190 S., 12,30 Euro, und "Geboren mit Sand in den Augen"; Unionsverlag, Zürich; 219 S., 8,90 Euro.

Der Tuareg-Führer Dayak hat im Ausland studiert und später ein Reisebüro in Agadez eröffnet. Er kam 1995 bei einem Flugzeugabsturz in der Wüste ums Leben. Immer wieder schön: der Wüstenklassiker "Wind, Sand und Sterne" von Antoine de Saint-Exupéry; Rauch Verlag, Düsseldorf; 220 S., 8,90 Euro

Auskunft:
Staatlich Marokkanisches Fremdenverkehrsamt, Graf-Adolf-Straße 59, 40210 Düsseldorf, Tel. 0211/370551-52, www.marokko.com