Es gehört zum Geschäft der Soziologie, der Zeit, in der man lebt, einen Namen zu geben. Für das beginnende 21. Jahrhundert hat der in Berkeley lehrende Manuel Castells seit längerem den Ausdruck der "Netzwerkgesellschaft" publik gemacht. Nachdem nun alle drei Bände der deutschen Übersetzung vorliegen, lässt sich überprüfen, ob das Etikett der network society stichhaltig genug ist, um unsere Zeit, frei nach Hegel, auf den Begriff zu bringen.

Nach Castells sind es drei voneinander unabhängige Prozesse, die seit Ende der 1960er Jahre den Übergang von der Industriegesellschaft in das Zeitalter globaler Netzwerke kennzeichnen: die informationstechnologische Revolution, die in der weltweiten Verbreitung des Computers, der Telekommunikation und des Internet besteht; die Krise des industriellen Kapitalismus und die Auflösung des nationalstaatlichen Etatismus, die zu dezentralen Formen der Wirtschaft und Politik geführt haben; und schließlich das Aufblühen sozialer Bewegungen, die sich gegen die Herrschaft der globalen Systeme zur Wehr setzen.

Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft stellt aus der Sicht von Castells etwas grundlegend Neues dar. Mit dem Vormarsch der elektronischen Technologien sind Wissen und Informationen zu "Produktivkräften" geworden, die in einer "kumulativen Rückkopplungsspirale" neue Wissensformen hervorbringen. Informationen bilden den Rohstoff vernetzter Handelsprozesse, in denen der Mehrwert vor allem über den Austausch von Daten, Kenntnissen und professionellem Know-how produziert wird. Der "informationelle Kapitalismus" ist nicht an staatliche Grenzen und regionale Märkte gebunden, seine Akteure sind multinationale Unternehmen, Finanzdienstleister und Firmennetzwerke, die jenseits der politischen Einflussnahme ihre weltumspannenden Geschäfte tätigen.

Die Konsequenzen bestehen in einer Reihe fundamentaler Transformationsprozesse, die vor allem das kulturelle Gefüge der Netzwerkgesellschaften betreffen. Der "Geist des Informationalismus", wie Castells es in Anlehnung an Max Weber formuliert, ist durch eine "Kultur des Ephemeren" gekennzeichnet, die in der Unsicherheit der informationellen Wertschöpfung, dem Mangel eines ethischen Unterbaus, der Durchsetzung flexibler Arbeitsformen und gemischter Berufsprofile zum Ausdruck kommt. Der Informationalismus hat via TV und Multimedia zu einer "Kultur der realen Virtualität" geführt, die traditionellen Orte in einem planetaren "Raum der Ströme" aufgelöst und eine "zeitlose Zeit" erzeugt, in der die Lebenszyklen verschwimmen und der individuelle Tod keine Rolle mehr spielt.

Castells’ Welt vernetzter Kapital- und Datenströme ist kein Utopia auf Erden. Mit zunehmender Dynamisierung des globalen Verkehrs entflammen lokale Widerstandsherde, wächst das Bewusstsein fortschreitender Ungleichheit an und wird die "Macht der Identität" gegen die "Logik der Apparate" mobilisiert. Das Spektrum der Widerstandsbewegungen reicht von religiösen Fundamentalisten und politischen Guerilleros über Umweltkämpfer, Feministinnen, Schwule und Lesben bis zur Reform der patriarchalischen Familie. Hinter dieser Entwicklung steckt nach Castells eine dunkle Ironie: In dem Moment, in dem der souveräne Nationalstaat seine Autorität verliert und die massenmedial inszenierte Politik ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt hat, treten kraftvolle zivilgesellschaftliche Bewegungen in Aktion, denen jedoch eine gemeinsame "Projektidentität" fehlt.

Zur "Jahrtausendwende" machen sich stattdessen in den unterentwickelten Regionen Afrikas, Asiens und Amerikas Kinderarbeit und Armut breit, bauen kriminelle Kartelle mit Drogen-, Waffen- und Menschenhandel ihre verbrecherischen Netzwerke aus, werden die ehemals erfolgreichen Tigerstaaten der Pazifikregion von den globalisierten Märkten überrundet, während der europäische "Netzwerkstaat" noch in seinen Geburtswehen steckt.

Das Bild, das Castells vom Informationszeitalter zeichnet, ist hochgradig ambivalent. Wo der Austausch von Daten, Wissen und Informationen für einen Anstieg der Produktivität und Interaktivität gesorgt hat, entstehen gleichzeitig soziale Bruchlinien, die zum Ausschluss wertlosen Menschenmaterials und zurückgebliebener Territorien führen. Die "Abwärtsspirale der sozialen Exklusion" kann jeden erfassen, der mit der Dynamik der Vernetzungsprozesse nicht Schritt hält. Was die Zukunft betrifft, ist Castells verhalten optimistisch. Sie lasse sich nur durch eine "kulturelle Politik" bewältigen, die sich offenen Auges mit den Verflechtungen, Konflikten und Ideologien auseinander setzt, die der Moloch der Netzwerkgesellschaften in ruheloser Eigendynamik gebiert.

Castells’ Studie hat trotz ihres kompilatorischen Charakters und ihrer ausufernden Materialfülle das Zeug zum soziologischen Klassiker. Die Metapher der Netzwerkgesellschaft stellt zwar keine neue Welterklärungsformel dar, sie ist jedoch besonders gut geeignet, den widersprüchlichen und komplexen Entwicklungen unserer Zeit Ausdruck zu verleihen. Die "informierte Verwirrtheit", von der Castells am Ende spricht, ist das Schicksal des 21. Jahrhunderts. Zu ihrer notwendigen Entwirrung trägt dieses gewichtige Werk bei.