Am 3. September 1939 konnte sich der Kölner Germanistikstudent und Soldat Heinrich Böll noch kaum vorstellen, was er mit seiner "phantastischen Löhnung von 25 Mark" überhaupt anfangen sollte. Böll erhielt diesen Sold alle zehn Tage bei voller Verpflegung als Taschengeld, später wurde er – steuerfrei selbstverständlich – deutlich erhöht. Eine Reichsmark entsprach, in heutige Verhältnisse übertragen, ungefähr der Kaufkraft von 10 Euro. Nach der Hochzeit erhielt Annemarie Böll zusätzlich Familienunterhalt. Im Zweiten Weltkrieg wurde kein Soldat so üppig bezahlt wie der deutsche.

In Rotterdam ergattert Böll bald ein halbes Pfund Kaffee "für ganze fünfzig Pfennige" für die Lieben zu Hause. "Für Mutters Kaffeehoffnungen sehe ich sehr schwarz", schrieb er einige Zeit später von der französischen Kanalküste und fuhr fort: "Schickt mir bitte das Geld, das Ihr noch habt; vielleicht kann ich damit meinen Kaffeebemühungen etwas einheizen; es kann auch ruhig deutsch sein; ich werde es hier in der Kantine umwechseln." Offiziell konnte sich jeder deutsche Soldat monatlich zusätzlich 100 Mark per Feldpost überweisen lassen, zu Weihnachten 200. Inoffiziell durfte jeder an Geld mitnehmen, was er wollte. Im Herbst 1940 berichtete das Reichsbankdirektorium von der Wechselstelle auf dem Bahnhof Herzogenrath (westlich von Aachen), die Kasse sei "von durchreisenden Wehrmachtsangehörigen außerordentlich stark belastet"; die Beamten hätten "Weisung, an der Grenze jeden geforderten Betrag umzutauschen". Deutsche Soldaten kauften die Länder Europas buchstäblich leer. Sie verschickten Abermillionen Feldpostpäckchen von der Front in die Heimat, Adressaten waren hauptsächlich Frauen. Spricht man die betagten Zeitzeuginnen auf ihre Feldpostpäckchen an, bekommen sie noch heute leuchtende Augen: Schuhe aus Nordafrika, aus Frankreich Samt und Seide, Likör und Kaffee, Tabak aus Griechenland, Honig und Speck aus Russland, Heringe en masse aus Norwegen.

"Auf dem Bazar kannst du alles kaufen, was du willst"

"Ich will schnell die Butter noch einpacken und auch die Seife (4 große Stücke), damit sie mit der Post am Mittag weggeht", schrieb der insoweit typische Soldat Böll. Dann folgt die bald obligatorische Forderung nach offiziell verbotenen zusätzlichen Geldsendungen für neue Einkäufe ("…am besten in einem gut verpackten Kuchenpaket") und ein paar Tage später die aktuelle Zwischenbilanz: "Ich habe gestern wieder ein Pfund Butter abgeschickt, jetzt sind im ganzen vier Butterpakete unterwegs und ein Paket mit einem Riesenstück Seife zu 400 Gramm für Mutter zum Namenstag. Ich habe zwar jetzt 40 Mark Schulden, aber ich erwarte das Paket mit den Überraschungen." Sie ließen nicht lange auf sich warten: "Das Buch Barbara Naderer mit Einlage habe ich bekommen. Im ganzen jetzt 60 Mk. (10 von Dir, 50 von den Eltern). Wenn ihr den Nachschub laufend regelt, so wie es jetzt läuft, brauche ich die Herrlichkeiten des ,schwarzen Marktes‘ nicht vorüberziehen zu lassen."

Hitler feierte die Wehrmacht als den "natürlichsten Vermittlerapparat, den es gibt, wenn jeder Soldat seiner Frau oder seinen Kindern etwas schickt". 1943 schärfte er Großadmiral Raeder ein: "Wenn von der Ostfront der Soldat etwas mitbringt, dann sind das 250000 bis 300000 Pakete, ein Zuschuss, der der Heimat sehr zustatten kommt." Wo sich einzelne Offiziere und Zollbeamte dem hemmungslosen Rauben entgegenstellten, wütete er zugunsten des gesunden Soldatenempfindens: "Ich werde jetzt barbarisch vorgehen. Was kann ich vom Osten mitnehmen? Kunstschätze? Das gibt es nicht! Bleibt also nur das bisschen Fressen! Es kann damit nichts besseres geschehen als dass es der Familie des Soldaten in der Heimat zukommt."

Böll und Millionen seiner Kameraden zahlten auf ihren Buttertouren nicht mit Mark und Pfennig, sondern mit holländischen Gulden oder französischen Francs, in Polen mit Z¬oty und in Ungarn mit Pengö. Jeder deutsche Soldat erhielt seinen Sold in der jeweiligen Landeswährung und war gehalten, ihn möglichst dort auszugeben. So wurde der Inflationsdruck auf die Reichsmark vermindert. Das Geld, das die Angehörigen teils legal, teils illegal aus der Heimat ins Feld schickten, tauschten die Empfänger bei den Feldkassen um. Von dort wurden die eingewechselten Reichsmarkbestände an das Deutsche Reich abgeführt. Die Kölner Familie Böll bekam also für die in Kuchenpaketen oder katholischen Erbauungsschriften geschmuggelten Reichsmarkscheine ihren Kaffee aus Frankreich und all die anderen "schönen Sachen" – der Reichsfinanzminister verbuchte das Geld, das bereits in begehrte Waren umgewandelt worden war, als zusätzliche Einnahme. Bezahlen aber musste das Ringgeschäft die Notenbank des besetzten Landes zum Nachteil von dessen Volkswirtschaft und dessen Bürgern.

Das System war einfach: In Deutschland setzten die Verantwortlichen ein strenges, als gerecht empfundenes Zuteilungsregime einschließlich Preisstopp durch. Sie bedrohten jeden Schleichhandel mit drakonischen Strafen. Aber im Ausland sollten und wollten die deutschen Soldaten sich bereichern, dort sollten sie den Kaufkraftüberhang aus dem Inland, den sie zuvor in fremde Währungen verwandelten, buchstäblich verbuttern. Zwischen 1940 und 1944 betrug die Kriegsinflation beispielsweise in Frankreich 160 Prozent, in Deutschland lediglich 6 Prozent. Im Juni 1943 gingen nach Angaben des Leitenden Heeresintendanten in Paris 25 Prozent der Besatzungslasten, die Frankreich zu tragen hatte, in solche Einkäufe.

Selbst im Baltikum wurden nach den Beobachtungen des Reichskommissars erhebliche Mengen Geld eingeführt, umgetauscht und die damit "aufgekauften Waren dann aus dem Gebiet herausgeschafft". Im Mai 1942 durften die an der Ostfront eingesetzten Soldaten – zusätzlich zum üblichen Feldpostpäckchen – je ein Paket von 20 Kilogramm Gewicht nach Hause schicken. Das diente offiziell "zur Freimachung der Truppe von überflüssigem Gepäck", allerdings legte das Oberkommando des Heeres größten Wert darauf, "zu verhüten, dass durch den Zollfahndungsdienst wegen dieser Pakete Nachprüfungen bei den Empfängern in der Heimat angestellt werden". Selbst noch während der extrem unwirtlichen Monate Januar, Februar und März 1943 schafften es die Soldaten der 18. Armee nach der Statistik des zuständigen Feldpostamtes, von der Leningradfront mehr als drei Millionen Feldpostpäckchen in die Heimat zu schicken – gefüllt mit Beutestücken, Schnäppchen und überschüssigen Lebensmittelzuteilungen.