Ordner, Akten, Schreibmaschinen liegen herum, Bücher mit dem Bild Saddam Husseins auf dem Umschlag, umgestürzte Stühle und Sessel. Die Zimmer sind verwüstet, eines ist ausgebrannt, Wände und Fensterrahmen sind verkohlt. Den Fenstern, die zu den Balkonen führen, fehlen die Scheiben. Saddam Hussein in unterschiedlichen Posen lacht noch von den Wänden, großformatig, jugendlich, in goldenem Rahmen.

Gebrandschatzt und verwüstet haben die Räume aber weder attakierende US-Soldaten noch wütende Iraker, sondern Berliner – Kinder und Obdachlose vermutlich. Das Gebäude liegt in Berlin-Pankow, Tschaikowskystraße 51. Es ist die ehemalige irakische Botschaft in der DDR. Das Haus wurde nach der Wende verlassen, modrige Matrazen künden von dem Versuch einer postpolitischen Nutzbarmachung.

Die DDR hatte das Grundstück inmitten von Grün und frei stehenden Häusern, immerhin rund 5000 Quadratmeter groß, samt Gebäude dem Irak überlassen. Der arme Bruderstaat logierte günstig in der DDR, zu Bedingungen, die sich Mieter sonst nur erträumen können: einmal zahlen, für immer nutzen.

Das Ende der Botschaft, 1990, war kein feierliches. Die Zeitung Junge Welt schrieb im September jenes Jahres, irakischen Informanten zufolge habe die Botschaft ein Sprengstofflager für Terroristen angelegt. Dem Vorwurf konnte aber, mangels Inspektoren oder anderer Außeneinwirkung, nie nachgegangen werden. Die Einheit vereinigte die beiden irakischen Botschaften, die im Westen überdauerte, die in Ostberlin wurde geräumt. Die Immobilie gehört seitdem dem vereinten Deutschland, das sich über das Geschenk aber nur wenig freuen konnte. Im Grundbuch ist bis heute festgeschrieben, dass der Irak das Gebäude unbefristet nutzen darf.

Christine Nützmann ist 36 Jahre alt und verbrachte ihr ganzes Leben im Viertel um die Tschaikowskystraße. Sie erlebte Bau und Verfall der Botschaft: Bis sie sieben war, war die Brache ein guter Platz zum Spielen. 1973 trat die DDR den Vereinten Nationen bei, der Irak sollte eine moderne Botschaft erhalten, und Christine Nützmann verlor ihren Spielplatz. Dafür hatte sie bald Spielkameraden aus dem Orient, das tröstete sie ein wenig. Heute arbeitet sie als Angestellte eines Lobbyistenvereins der Industrie in einem der ehemaligen Botschaftsgebäude in der Nachbarschaft. Immer wenn sie aus dem Fenster ihres Büros schaut, ärgert sie sich über das kaputte Haus in der ansonsten herausgeputzten Straße.

In den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung sind die Mitarbeiter der Botschaft im Westen noch ab und an in die Tschaikowskystraße gekommen, haben die Hecken geschnitten und den Rasen gemäht, berichten die Nachbarn. Die Sorge wurde aber offenbar immer kleiner, das Gebäude verfiel, und die Obdachlosen errichteten ihre Lager und fanden unter Saddam Husseins strahlenden Augen Schlaf.

In einem Winter Mitte der 90er Jahre kamen dann Architekten, begleitet von Irakern, sie trugen Helme und Pläne unter dem Arm. Das Vorhaben, das Haus gründlich zu renovieren und wieder einem staatlichen Zweck zuzuführen, scheiterte aber vermutlich an der Tatsache, dass die Konten des Iraks so eingefroren waren wie das Wasser in den Heizungsrohren.

Im Sommer vergangenen Jahres schickte die irakische Botschaft in Berlin-Dahlem noch einmal einen Mann, der mit einer Astschere die Stämme kappte, die zwischen den Stufen der Eingangstreppe emporgewachsen waren. Während vorigen Monat in Dahlem jedoch das emsige Saddam-Abhängen, Wegräumen und Schreddern begann und die Räume von allen Spuren des großen Diktators gesäubert wurden, blieb in Pankow alles beim Alten. So ist das Gebäude nun vermutlich der letzte Ort auf der Welt, an dem sich der Flüchtling namens Saddam Hussein noch ganz wie zu Hause fühlen würde.