Anfang November 1825 betritt eine zierliche Nonne vom Orden der Annunziatinnen die Büroräume der Kölnischen Zeitung. Schwester Maria Clementine Martin gibt den Text für eine Kleinanzeige auf: "Ein sich selbst empfehlendes echtes Kölnisch Wasser ist zu haben. Auf der Litsch No. 1, die große Flasche zu 6 Silbergroschen, 3 Pfennig." 8000 Abonnenten hat das zu der Zeit wichtigste und auflagenstärkste Presseorgan des Rheinlands. Die Annonce erscheint am Sonntag, den 6. November, und wird offenbar von vielen gelesen. Das Heilwasser der 50-jährigen Nonne findet nämlich reißenden Absatz. Ein halbes Jahr später lässt sie die Firma Maria Clementine Martin Klosterfrau ins Kölner Handelsregister eintragen und beginnt mit dem Aufbau eines Destillationsbetriebs für "Kölnisch Wasser" und das "Ächte Spanische Carmeliter-Melissenwasser".

Die katholische Jungunternehmerin riskiert viel, denn sie hat weder Ausbildung noch Erfahrung als Geschäftsfrau, und der Kölnisch-Wasser-Markt in der Domstadt ist heiß umkämpft. Aber Maria Clementine Martin glaubt an die Qualität ihrer Produkte, baut auf ihr Wissen auf dem Gebiet der Arzneimittelherstellung. Reich zu werden ist nicht ihr Ziel. Sie fühlt sich berufen, Kranken zu helfen, und daraus wachsen ihre unternehmerischen Ambitionen. Ihr Gottvertrauen zahlt sich aus. So beginnt eine bis heute andauernde Erfolgsgeschichte.

Unternehmerin wurde die Klosterfrau eher aus Not als aus Berufung. Maria Clementine Martin wurde am 5. Mai 1775 in Brüssel als Tochter eines Berufsoffiziers geboren. 1783 zieht sie mit ihren Eltern nach Jever in Ostfriesland und tritt als 17-Jährige in das Annunziaten-Kloster Sankt Anna in Coesfeld ein. Wie viele Klöster in dieser Zeit betreibt Sankt Anna ein Hospital und eine Apotheke. Das junge Mädchen wird zur Krankenpflegerin ausgebildet und mit der Herstellung von Naturheilmitteln vertraut gemacht. Sie ist eine begabte und überaus eifrige Schülerin. Man vertraut ihr die streng gehüteten Rezepturen vieler Arzneien an, die sonst im Kloster unter Verschluss gehalten werden. So auch das Rezept des Melissengeistes, eines Universalmittels, dem die Heilung zahlloser Beschwerden nachgesagt wird. Je nach Bedarf äußerlich angewendet oder mit Wasser verdünnt getrunken, soll es bei regelmäßigem Gebrauch sogar ewige Jugend verleihen. Erstmalig haben Karmelitermönche das Destillat aus 13 Heilpflanzen 1611 in einem Pariser Kloster hergestellt. Sie nannten ihr Wunderwasser Karmelitergeist.

Zehn Jahre lebt Maria Clementine Martin im Kloster zu Coesfeld. Aufopferungsvoll pflegt sie Kranke und Hinfällige. Häufig sieht man sie in der Klosterapotheke, wo sie an Rezepten herumexperimentiert und sie verbessert. Die Arbeit ist hart, aber ihre Aufgabe befriedigt sie. Den Dienst am Nächsten sieht sie als ihre Christenpflicht an. Ihr Lebensweg scheint vorgezeichnet.

Doch es kommt anders. 1803 ist das geregelte Klosterleben zu Ende. Sankt Anna wird säkularisiert. Die Ordensschwestern finden zunächst in einer Abtei nahe der holländischen Grenze Unterschlupf, doch nach acht Jahren wird auch dieser Besitz eingezogen. Die Nonnen sitzen auf der Straße. Gezwungen, für ihren Lebensunterhalt selbst zu sorgen, beginnt Maria Clementine Martin eine fast 15-jährige Wanderschaft durch zahlreiche Städte Westfalens und die Provinz Brabant. Ihre pharmazeutische Ausbildung macht sie zu einer gefragten Krankenschwester. Wo immer sie hinkommt, pflegt sie Schwerkranke und Unheilbare – und verkauft ihre selbst gebrauten Heilwasser.

Dann, 1815, wird sie in Waterloo gebraucht. Die historische Schlacht zwischen Napoleon auf der einen und Wellington mit seinen preußischen Verbündeten auf der anderen Seite kostet Tausende von Opfern. Maria Clementine Martin stürzt sich mitten ins Kampfgetümmel, kniet in dem aufgeweichten Lehmboden, um Soldaten beider Seiten zu versorgen. Ihr selbstloser und aufopferungsvoller Einsatz wird vom preußischen König belohnt. Fortan erhält sie eine jährliche Rente von 160 Goldtalern, eine Summe, die sie von ihren größten finanziellen Sorgen befreit.

Am 25. April 1825, zehn Tage vor ihrem 50. Geburtstag, kommt die Klosterfrau in Köln an und findet eine Stadt in Aufbruchstimmung. Erst 1814 hatten die Franzosen nach 20 Jahren Besatzung die katholische Domstadt verlassen, und obwohl der Code de Commerce von 1808 auch Protestanten die Gewerbefreiheit gab und es zu einer Reihe von Firmenneugründungen gekommen war, hatte die Besatzungszeit Köln wirtschaftlich ruiniert. Auf dem Wiener Kongress wird das Rheinland dem Königreich Preußen zugesprochen. Für Köln beginnen nun die ersten Wirtschaftswunderjahre. Zunächst setzt eine rege Bautätigkeit ein: Kasernen, Regierungsgebäude und Theater werden errichtet, und von 1822 an verbindet nach über 800 Jahren wieder eine Brücke die linke und rechte Rheinseite. Im Jahr 1825 wird ein regelmäßiger Dampfschifffahrtsbetrieb auf der Route Köln–Rotterdam–Antwerpen aufgenommen. Köln ist damit an den Welthandel angeschlossen und wird schnell zur rheinischen Wirtschaftsmetropole. In großer Zahl entstehen Banken, Handelshäuser und Fabriken. Die Stadt entfaltet geradezu magnetische Wirkung. Aus der ganzen Rheinprovinz zieht sie die Menschen an. Die Bevölkerung wächst schnell. Den Fabrikanten steht ein Heer von Arbeitskräften zur Verfügung. Maria Clementine Martin hätte den Zeitpunkt für ihre Unternehmensgründung kaum besser wählen können.

Doch die Klosterfrau ist bei weitem nicht die einzige Unternehmerin, die in der Domstadt ihre Chance sucht. Nicht weniger als 64 Kölnisch-Wasser-Hersteller streiten sich im Jahr 1822 um Marktanteile bei den angeblich so segensreichen Wässerchen. Die Nachfrage nach Eau de Cologne ist beträchtlich. Bereits im 17. Jahrhundert wurde das Destillat aus Alkohol und Blütenölen hergestellt und ähnlich wie der Melissengeist als Allheilmittel gepriesen. Obwohl die Kölner froh sind, die französischen Besatzer loszuwerden, haben sie ihnen letztlich den weltweiten Siegeszug ihres Eau de Cologne zu verdanken. Die Soldaten Napoleons tränkten ihre Taschentücher darin, um den fürchterlichen Gestank im heruntergekommenen Köln ertragen zu können. Wegen seines Alkoholanteils von 80 Prozent wurde es zudem auch reichlich getrunken.