In den Abendstunden des Karsamstags versammeln sich die katholischen Christen mit geweihten Kerzen vor ihren Gotteshäusern. Ein Holzstoß wird angezündet, die große Osterkerze nimmt die Flamme auf und wird in feierlichem Zug durch die dunkle Kirche in den Altarraum getragen. Dreimal ertönt das lumen Christi des Liturgen, dreimal die Antwort der Gemeinde: Deo gratias. Dann wandert das Licht von Kerze zu Kerze; es "scheint in der Finsternis" (Joh. 1,5), bis mit der Verkündung des Evangeliums Ostern beginnt. Das Wunder der Auferstehung zieht die zuckenden Flammen der Gläubigen in sein Licht, der Raum wird hell. Doch so sinnlich-ansteckend die Dramaturgie auch sein mag: In ihr vollzieht sich die Aufhebung aller Weltgesetze, und wer, wie der Apostel Thomas, den Sprung in die Transzendenz nicht vollziehen kann, ohne die Wundmale des verklärten Christus berührt zu haben, erlebt die Osternacht als dunkelste Stunde des Zweifels.

Ein ausgebrannter Riese

Am Karsamstag 1958, es war der 5. April, stürzte der Schriftsteller Reinhold Schneider nach einem Kirchenbesuch in seinem langjährigen Wohnort Freiburg, am Ostersonntag erlag er, 54-jährig, seinen Verletzungen. Die "Antwort der Abgründe auf unsere letzte Frage ist diese Frage selbst", heißt es in seinem Bekenntnisbuch Verhüllter Tag (1954), und gewiss hätte er, dem das Licht des Evangeliums immer nur flackerndes Flämmchen im Dunkel der "Geschichtswelt" gewesen war, in diesem Sterben an der Schwelle, in ein Ostern ohne Osterfreude hinein, die zurückgespiegelte Frage seines Lebens erkannt – womöglich auch den zuletzt ersehnten Gnadenbeweis: "Ich weiß, daß Er auferstanden ist; aber meine Lebenskraft ist so sehr gesunken, daß sie über das Grab nicht hinauszugreifen, sich über den Tod hinaus nicht zu sehnen und zu fürchten vermag. Ich kann mir einen Gott nicht denken, der so unbarmherzig wäre, einen todmüden Schläfer unter seinen Füßen, einen Kranken, der endlich eingeschlafen ist, aufzuwecken."

So steht es, als Neujahrswunsch für 1958, in den tagebuchartigen Aufzeichnungen seines letzten Winters, den er in Wien verbrachte: ein ausgebrannter Riese von Mann, den jede Bewegung schmerzte und dessen chronische Darmerkrankung die Nahrungsaufnahme – er ernährte sich von Wein und Suppen – zur Qual werden ließ. Zeitlebens hatte er die Begegnung mit der Hauptstadt des Habsburgerreichs gescheut, deren Kronkammer das mystische Zentrum all seiner paradoxalen Reflexionen über Herrschaft und Dienst, Gottesrecht und Staatsrecht, Macht und Freiheit gewesen war. Die Reise zum Mittelpunkt einer untergegangenen Welt, die ihm als das letzte "weltliche Gleichnis des Reiches Gottes" galt, konnte nicht anders als schmerzlich verlaufen, doch die Düsternis seines letzten Buches, postum erschienen unter dem Titel Winter in Wien, kommt aus anderen Quellen.

Für Schneider, der die geschichtliche Existenz als Auftrag im Zeichen des Kreuzes sah, die gekrönten Häupter am Träger der Dornenkrone maß und nichts für strafwürdiger hielt als den Missbrauch der "Erwählung" zur Macht, war Geschichte überhaupt an ihr Ende gekommen: "Unsere Zeit ist das Intervall zwischen dem Ende des Reiches und dem letzten Ruck des Zeigers." Der Nationalsozialismus hatte nicht nur das Versagen aller überkommenen Ordnungsvorstellungen, sondern auch des Christentums vorgeführt; er selbst, eine der integersten Gestalten der "inneren Emigration", nahm sich davon nicht aus: "Als Katholik komme ich nicht über das Konkordat hinweg. Als Katholik sehe ich mich nicht imstande, die Schuld zu leugnen. Wir hätten, im Sinne Martin Luthers, ganz vernichtet sein müssen, wenn wir gerettet werden sollten" (Verhüllter Tag).

Mit dem Abwurf der Atombombe war für ihn der Abfall des Menschen von der Schöpfung vollzogen: kein Zeichen mehr, das auf den Schöpfer wies. Er sammelte, was die europäischen Zeitungen an Euphemismen über den Fortschritt der Menschheit, die Pionierleistungen gewendeter Naziforscher à la Wernher von Braun und an zensierten Berichten über radioaktive Verstrahlung und andere Wissenschaftspannen ausspuckten: Belege für die unheilige Allianz von "Forschung und Staat" zu undurchsichtigen Zwecken der Nutzbarmachung von "Kräften, die sie nicht kennen". Für die "unsere Zeit regierende Machtgestalt" gab ihm die Geschichte kein Beispiel, die mystische Bürde personal verantworteter Herrschaft schien endgültig abgelöst durch ein Kartell von Abhängigen, zusammengeschweißt in Ehrgeiz und Hybris, und das künftige Weltgericht übernahm eine Bombe: "Die geistige Spitze, die Forschung, ist auf das Ende gestoßen, auf die Macht, und läuft ihr nach wie die Macht der Forschung; wir kreisen im Todeszirkel; wir wissen nicht, was Spitze und Ende ist."

Reinhold Schneider in Wien, wo anstelle des Kaisers jetzt die Atombehörde regiert, nimmt den Trost zurück, den er zumindest für andere immer hatte, die Ermunterung zum christlichen Widerstand, zu offensiver Ohnmacht, zur Kreuzesnachfolge: Kräfte allesamt, deren Wirksamkeit in der Geschichte seine Großwerke – Die Leiden des Camoes (1930), Philipp II. oder Religion und Macht (1931), Die Hohenzollern (1933), Das Inselreich. Gesetz und Größe der britischen Macht (1936) –, seine Erzählungen um Friedrich Spee (1937) und Las Casas (1938), seine historischen Essays und Ideendramen, zuletzt seine Reden und Vorträge hatten bezeugen sollen. Winter in Wien verwirrte seine christliche Anhängerschaft nicht wenig, manche sahen den Todgeweihten in den Krallen des Nihilismus. Tatsächlich aber stemmte er sein Credo quia absurdum gegen den Druck von Milliarden Milchstraßen und die zudringlichen Bilder vom Fressen und Gefressenwerden, stöhnte er unter der Halbheit eines Glaubens, dem das Licht der Auferstehung niemals aufgegangen war, wie ein Büßermönch.

Christus, die tödliche Freiheit