Ich habe früher eigentlich fast nie über meine Penisgröße nachgedacht. Dann habe ich mir einen Computer mit eingebauter E-Mail gekauft. Das, was in den Reklame-E-Mails, der so genannten Spam, am häufigsten angeboten wird, sind Penisvergrößerungen. Das zweithäufigste Angebot sind billige Kredite. Platz drei teilen sich die Internet-Apotheken, die Geheimkennwortentschlüsseler und die russischen Bräute zum möglichst schnell Heiraten. In der Werbe-Mail werden für das weibliche Publikum auch Brustvergrößerungen angeboten, aber bei weitem nicht so oft wie der Penis.

Vor dem Computerzeitalter hat nach meiner Erinnerung das Thema Penisvergrößerung gesamtgesellschaftlich nur eine Nebenrolle gespielt. Wissen Sie, wir waren Jungs damals. Wir haben die üblichen Jungsgespräche geführt über die ewigen Jungsthemen. Tabulos. Trotzdem habe ich mich vor dem Computerzeitalter selbst mit meinen engsten Freunden niemals über das Thema Penisvergrößerung unterhalten. Wir setzten in unseren Gesprächen andere Prioritäten.

Vor einiger Zeit war ich mit dem Lyriker Steffen Jacobs, der zurzeit in Berlin die besten Gedichte macht, in einem Restaurant am Savignyplatz. Steffen Jacobs erzählte, dass auch er in seiner E-Mail ununterbrochen mit diesem Thema konfrontiert werde und dass er anfange, die Penisvergrößerung für eine Obsession oder sogar einen Mythos oder zumindest einen Tick des 21. Jahrhunderts zu halten, er plane dazu ein größeres Prosastück, vielleicht sogar ein Gedicht. Ich sagte: "Ich plane dazu eine Kolumne." Er sagte: "Dann stelle ich das Prosastück bis dahin zurück."

Ich habe mir die Methoden angeschaut. Die eine Firma arbeitet mit einer Art Saugglocke. Das Gerät ist ungefähr so groß wie ein mittlerer Fernseher, es sieht kompliziert und nicht ungefährlich aus, mit Knöpfen, Hebeln und Schläuchen, die Gott weiß wo angeschlossen werden. Man schnallt sich das Gerät irgendwie um. Der nackte ältere Herr, der es auf den Fotos vorführt, lächelt in die Kamera, während das Vergrößerungsgerät sich an ihm abarbeitet, sein Lächeln wirkt gezwungen.

Ein anderes Unternehmen setzt auf pflanzliche Produkte. Es sind Kräuterpillen und Kräutertees zur Biopenisvergrößerung. Sie haben als Werbeträger ebenfalls einen älteren Herrn. Man sieht, wie er an einem Küchentisch sitzt und lächelnd seinen offenbar lecker schmeckenden Vergrößerungstee trinkt, neben ihm eine junge Dame, womöglich seine Lebenspartnerin oder vielleicht jemand von der Vergrößerungsfirma, die, ebenfalls lächelnd, ein Gläschen Sekt leert.

Wieder eine andere Firma verkauft, ganz konventionell, Hormontabletten. Man bekommt angeblich auch Brustbehaarung, erotische Motivation und geistige Spannkraft davon. Ein Anbieter behauptet sogar, dass er es mithilfe von Meditation hinkriegt. Positives Penisdenken sozusagen. Man muss allerdings das Geld im Voraus überweisen.