Joggen ist ein ordinäres, ein hässliches Wort. Es hat mit dem, was ich hier tue, nicht das Geringste zu tun, sagte mein amerikanischer Freund Paul, als ich ihn vor einiger Zeit in einem Sportstudio traf. Er war zur Berlinale in die Hauptstadt gekommen. Obwohl wir uns ein Jahr oder länger nicht gesehen hatten, unterbrach er, als ich an das Laufband trat, sein Training nicht. Ein Jogger, das ist jemand, der schwerfällig, tranig von einem Fuß auf den nächsten fällt und sich von mir auf dem Bürgersteig überholen lässt, sagte Paul. Selbst dann noch, wenn ich überladen mit Plastiktüten, mit einer Zwölferpackung Klopapier unter dem Arm vom Einkaufen komme. Das sind die Jogger, arme Kreaturen, Gesundheitsfreaks mit bunten Schuhen. Man erkennt es am glasigen Blick und an ihrer Haltung, dass sie nicht denken. Dass sie sich weder geistig noch körperlich im Griff haben. Sie sind überall, im Tiergarten, in Köln am Niederländer Ufer, an der Außenalster. Ich sehe sie, wie sie sich die Kniegelenke ruinieren, gerade auch in New York und im Fernsehen und natürlich im Fernsehen in New York, da joggen sie durch die Serien und die Filme aus den achtziger Jahren, sie joggen durch den Central Park und am East River entlang, selbst durch Brooklyn.

Ich war, das muss ich gestehen, verwirrt, vielleicht sogar ein bisschen verletzt. Warum, fragte ich mich, redet er von Gesundheitsfreaks und dem New York der achtziger Jahre, warum ist er so fahrig und unkonzentriert? Statt auf die Pause-Taste seines Geräts zu drücken und mich zu begrüßen. Zu fragen, wie es mir ergangen ist. Aber ich blieb bei ihm, schaute ihm zu und hörte, wie er sich seinem Thema näherte, wie er es einkreiste, denn ich hatte vor dem Intellekt meines Freundes immer den allergrößten Respekt gehabt. Es wird schon zu etwas führen, dachte ich, es wird schon seinen Grund haben, dass er mich gerade hier und gerade jetzt auf diesen Umwegen an seine Ideen heranführte.

Joggen ist eine Perversion, sagte Paul, eine amerikanische Perversion wie Käse aus der Tube oder wie das so genannte Bowling, das mit dem Kegeln, diesem eleganten, ernsten, schönen Sport, nichts zu tun hat. Dabei ging es schon in Rip van Winkle , dem uramerikanischen Märchen, ums Kegeln. Der faule Rip gibt vor, auf die Jagd zu gehen, in vorrevolutionärer Zeit, er legt sich unter einen Baum, um ein Nickerchen zu machen. Da träumt ihm von einer Gruppe gigantischer Holländer mit entsprechend riesigen Hüten, die durch das Tal am Hudson River ziehen, trinkend und lärmend und spielend. Rip wird eingezogen, sozusagen, requiriert als Kegeljunge. Ein, so stellt sich bald heraus, lebensgefährlicher Job. Denn kaum hat er die mannshohen Kegel unter größten Anstrengungen aufgestellt, donnert schon die nächste Kugel die Bahn hinunter. Immer wieder, immer noch einmal hört er das Krachen und Grollen, rettet sich in letzter Sekunde mit einem kühnen Sprung. Als Rip schließlich aus diesem Albtraum erwacht, liegt seine Flinte neben ihm im Gras – verrostet. Von seinem treuen Hund, so muss er feststellen, ist nur noch ein Skelett übrig. Und als er ins Dorf zurückkehrt, ist seine kleine Tochter eine erwachsene Frau, die ihn nur aus Erzählungen kennt, und Amerika ist längst unabhängig.

Amerika, erklärte Paul, wurde beim Kegeln erfunden, so will uns das Märchen sagen. Und es wird mit dem Bowling untergehen, wie man an dem Film Bowling for Columbine gut sehen kann. Was ich damit sagen will, meinte Paul und erhöhte mit einem Knopfdruck den Steigungsgrad an seinem Laufband, ist, dass die amerikanische Kulturproduktion von jeher den Unterschied verstanden hat zwischen Bowlen und Kegeln, zwischen Joggen und Laufen.

Paul schien jetzt konzentrierter. Vor mir, so dachte ich, vollzieht sich eine eindrucksvolle Wandlung. Ich spürte, wie sich seine Gedanken zu verfestigen begannen, auch wenn ich weiterhin nicht jede Wendung seines Monologs nachvollziehen konnte. War es wirklich so sinnvoll, das Joggen mit dem Bowlen zu vergleichen? Ich ließ ihn weiterreden.

Es geht nicht um Geschwindigkeit, sagte Paul, versteh mich nicht falsch

Denk an den Marathon Man. Dustin Hoffman rennt um das Trinkwasserreservoir von Manhattan. Diese Intensität! Der Takt der Schritte, das Hecheln im Off. Und Jodie Foster in der Anfangssequenz von Das Schweigen der Lämmer. Wir haben uns gerade erst hingesetzt und sehen die ersten Bilder, und schon stockt uns der Atem. Da hat sie den Fall noch gar nicht und läuft schon um ihr Leben. Oder denk doch nur an Rocky. Was gibt es Erhebenderes als die Laufszenen aus RockyI!, rief Paul, die Freitreppe des Museums hinauf (eines Kunstmuseums!), was ist ergreifender als Rocky Balboas verbissenes, schließlich triumphales Training an einem dampfenden Wintermorgen in Philadelphia? Niemand käme auf die Idee, diesen Mann, einen italoamerikanischen Schlachthausarbeiter, als Jogger zu bezeichnen. Rocky läuft, er trainiert, sein Körper betet, die Muskeln denken. Seine von feuchter Kälte bis in die Spitzen durchdrungene Lunge – sie weint.

In Gattaca, mein Freund, rief Paul und justierte die Geschwindigkeit an seinem Gerät, in dem am meisten unterschätzten Film des vergangenen Jahrzehnts, ist es Ethan Hawke, der uns zeigt, was Lauftraining wirklich ist. Auf dem Laufband, mein Freund. Englisch treadmill, Tretmühle. Du kennst den Film nicht? Hawke spielt einen Mann mit Herzfehler, der Astronaut werden will. Unbedingt. Sein einziges Lebensziel. Als ihm beim Fitnesstraining im Vorbereitungscamp die gleichmäßig pochende Mess-Sonde, die er irgendwo geklaut hat, von der Brust fällt und vier, fünf Schläge lang sein eigener, wild rasender Puls zu hören ist, der Puls eines Krüppels, da bleibt dir selbst das Herz stehen. Da spürst du die Anspannung, du spürst, wie krank man sein muss, um so gesund, so stark, so schön zu wirken.