Bislang glückte das Experiment erst mit Embryozellen von Mäusen, doch bezweifeln wenige in der Fachwelt, dass der Versuch auch mit menschlichen ES-Zellen funktionieren wird. "Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass menschliche ES-Zellen dieses Potenzial nicht besitzen", versichert der Bonner Stammzellforscher Oliver Brüstle, der nach langer öffentlicher Debatte seit einigen Monaten selbst an der Zucht von menschlichen Nervenzellen aus ES-Zellen arbeitet. Und die labortechnische Herstellung auch von menschlichen Eizellen aus ES-Zellen wäre selbst unter der restriktiven deutschen Gesetzgebung durchaus erlaubt. Dennoch: Es wird heikel. "Wir bewegen uns da in ein kritisches Gebiet hinein", warnt Brüstle. "Ich will nicht gleich sagen, dass mir unwohl wird, aber nun müssen wir genau hinsehen."

Da ist sich Schöler mit seinem Bonner Kollegen durchaus einig. Er steht in engem Kontakt nicht nur mit den Fachkollegen, sondern als Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat für Fragen der Bio- und Gentechnologie der CDU auch mit Parlamentariern und Ethikern in Deutschland. "Ohne Zustimmung der deutschen Gesellschaft mache ich mit menschlichen Zellen gar nichts", verspricht Schöler, "auch nicht in den Vereinigten Staaten."

Doch schon die Ergebnisse mit den Mäusezellen bergen Sprengstoff genug. Mit dem Zuchtverfahren der beiden deutschen Forscher lassen sich Eizellen nämlich auch aus männlichen Embryozellen herstellen. Könnten also bald homosexuelle Paare per Zeugung mit einer "männlichen" Eizelle zum eigenen Kind gelangen – und Frauen überflüssig machen? Können Frauen, die aus Krankheits- oder Altersgründen keine gesunden Eizellen mehr produzieren, in Zukunft dennoch auf Nachwuchs hoffen? Schon stellt sich für Fachleute wie Oliver Brüstle daher die nächste Frage: Kann man die Eizellen aus dem Labor mit einem Spermium befruchten? Die Antwort wird nicht lange auf sich warten lassen, sie wird aus Schölers Labor kommen, und sie wird lauten: Jawohl, man kann. "Früher oder später werden wir die Mäuse-Eizellen befruchten können und etwas Lebensfähiges daraus machen", prophezeit Schöler. Die Experimente sind bereits vorbereitet, wenn nicht sogar im Gange. Gelingt die Zeugung von Lebewesen auf der Laborbank? Für Schölers Kollegin Hübner lautet die "unglaublich spannende Frage: Sind die dann auch gesund?"

Gute Frage. Erst recht, wenn man daranginge, das Zuchtverfahren mit menschlichen Zellen zu erproben. Doch ist es zulässig, mit künstlichen Menschen-Eiern zu experimentieren? In Schölers Labor begannen die Mäuse-Eizellen – egal, ob weiblicher oder männlicher Herkunft – auch ohne Befruchtung bereits in der Kulturschale mit der Bildung eines frühen Embryos. So etwas tun auch natürliche Eizellen zuweilen, die Entwicklung dieser so genannten parthenogenetischen Embryonen stoppt jedoch nach kurzer Zeit. Um lebensfähige Embryonen heranzuziehen, müsste man die Eizellen befruchten. In Deutschland ist das nur erlaubt, wenn es bei einer Frau zur Schwangerschaft führt, und zwar bei derjenigen Frau, von der die Eizellen stammen. Bei den Schölerschen Zuchteiern aber hat es diese eine Frau nie gegeben. Was also ist der juristische Status solcher Keimzellen? Soll man die Zuchttechnik zulassen, etwa um dem Handel und Mangel an Eizellen zu wehren? Wäre das therapeutische Klonen zur individuellen Gewebezucht für einzelne Patienten so doch akzeptabel, weil Frauen nicht mehr als Lieferanten für die benötigten Eizellen gebraucht würden? Und schließlich: Ist es moralisch nun doch erlaubt, mit solchen Eiern aus der Zellkultur Embryonen zu Forschungszwecken herzustellen?

Stoff genug für die Denkstuben der Bioethiker. Auch Schöler treiben diese Fragen um. In jedem Fall, sagt er, gebe es bei Experimenten mit Menschenzellen "eine absolute Grenze": die Übertragung der Zellen in den Mutterleib, um einen neuen Menschen heranreifen zu lassen.

Die herkömmlichen Barrieren der Reproduktionsbiologie liegen nun in Trümmern. Auch das Konzept von der Befruchtung als Beginn neuen Lebens wankt bedenklich. Dolly sei der erste Volltreffer in die Fundamente der christlichen Bioethik gewesen, sagt der Ethiker Ted Peters vom Lutheranischen theologischen Seminar im kalifornischen Berkeley. "Dies ist wohl der zweite."

Schwerwiegender ist womöglich noch, was die Befunde für die biologischen und juristischen Grenzziehungen zwischen Keimzellen, Embryozellen und Körperzellen einerseits und einem lebensfähigen Embryo andererseits bedeuten. Mit dem Nachweis, dass ES-Zellen nicht nur alle Gewebetypen des Körpers, sondern auch seine Keimzellen hervorbringen können, beharrt Schöler, sei nun deren volle Schöpferkraft bewiesen. "Sie sind totipotent", sagt der Forscher. Und: "Mit genug Zeit mache ich auch aus einer adulten Gewebestammzelle ein Ei. Irgendwann wird das selbst mit einer Hautzelle möglich sein."