Für das deutsche Recht, dessen Embryonenschutzgesetz jeder totipotenten Zelle den vollen Schutz eines Embryos zuerkennt, ist der Forschungserfolg dennoch ohne Bedeutung, widersprechen die Juristen. Denn bislang hat Schöler in seinen Kulturschalen erst unbefruchtete Eizellen und nicht entwicklungsfähige, frühe Embryos züchten können. Unbefruchtete Eizellen indessen sind nach deutschem Recht keine Embryonen. Erst der Nachweis, dass aus ES-Zellen ohne Befruchtung lebensfähige Embryos erwachsen können, würde die Juristen alarmieren. Dann, so der Hamburger Juraprofessor Reinhard Merkel, müssten das Stammzellimportgesetz und Teile des Embryonenschutzgesetzes gekippt werden. "Sonst wäre die Stammzellforschung in Deutschland sofort in toto verboten."

Auch Stammzellforscher wollen von Totipotenz noch nicht reden. "Eine bahnbrechende Arbeit", sagt der deutsche Klonexperte Rudolph Jänisch vom Massachusetts Institute of Technology in Boston, "aber Eizellen sind nicht totipotent. Sie können nur eines, nämlich befruchtet werden."

Die Zelle nach Maß ist machbar

Tatsächlich ist bekannt, dass aus ES-Zellen prinzipiell ein ganzes Tier – und vielleicht auch ein ganzer Mensch – entstehen kann. Seit vielen Jahren nutzen die Mäusezüchter eine Technik, um so genannte whole ES-cell mice herzustellen (ZEIT Nr. 34/01). Dabei wird in einen gezielt veränderten Mäuseembryo, der zwar eine Plazenta, aber keine Maus mehr bilden kann, eine Reihe von ES-Zellen eingespritzt. Dann übernimmt das eingeschleuste Erbgut der Stammzellen die Regie und bildet die Maus – inklusive der Keimzellen des Tiers. Neben den zelltechnischen Eingriffen bedarf es dann noch einer Mäusemutter, in deren Uterus der künstliche Embryo heranwachsen kann. Für viele Biologen gilt daher weiterhin: Zur echten Totipotenz fehlt den ES-Zellen aus den Labors eine entscheidende Fähigkeit: Aus ihnen kann zwar ein ganzes Lebewesen wachsen, aber sie benötigen Hilfe. Die Frage ist, wie lange noch?

Vorerst will Schöler die Technik für praktischere Zwecke nutzen: So könnten mithilfe der künstlichen Eizellen neue ES-Zelllinen gewonnen werden, ohne dass dafür Embryonen aus den Gefrierschränken der Reproduktionskliniken verbraucht würden. Auch der umstrittene Eizellverbrauch für das therapeutische Klonen wäre umgangen. Solche therapeutisch nutzbaren ES-Kulturen können die Forscher inzwischen sogar genetisch an beliebige Zwecke anpassen: Erst im Februar stellte der Stammzellpionier Jamie Thomson ein Verfahren vor, mit dem Gene in menschlichen Stammzellen punktgenau ersetzt, eingebaut oder entfernt werden können. Stammzelllinien mit verzögerter Alterung, Resistenz gegen HIV oder Gewebemerkmalen nach Wunsch sind seither keine Utopie mehr.

Etwas anderes allerdings auch nicht: Jetzt, mit der Technologie aus Schölers Labor, führt von dort nur noch ein kleiner Schritt zur Erzeugung von genmanipulierten menschlichen Eizellen. Lässt man moralische Bedenken beiseite, steht dem genetisch aufgerüsteten Menschen bald keine technologische Hürde mehr im Weg.

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