Für Freunde Amerikas ist die Bundesrepublik ein ungemütliches Land geworden. Der Widerwille gegen Bush und das Misstrauen gegen die Politik der Vereinigten Staaten sind Volksgefühle, unberührt von den offiziellen Reparaturarbeiten an den transatlantischen Beziehungen, nicht besänftigt durch die Popularität von Hollywood-Filmen, Starbucks-Coffeeshops oder der Romane von Philip Roth und Jonathan Franzen. Die kulturelle Präsenz und Anziehungskraft Amerikas übersetzt sich nicht mehr in politische Sympathie. Man kann junge Anwälte aus internationalen Kanzleien treffen, die zwei Drittel ihrer Arbeit auf Englisch erledigen und mit leuchtenden Augen von mehr deutscher und europäischer Selbstständigkeit reden.

All das muss ein Albtraum sein für Atlantiker, die Hüter und Pfleger der Beziehungen zu den Vereinigten Staaten. Das ist in der alten Bundesrepublik nicht gerade ein Beruf gewesen, aber der Daseinszweck einer weit verzweigten Gemeinschaft in Politik, Universitäten, Medien und Austauschinstitutionen, ins Werk gesetzt durch zahllose Konferenzen, Stipendien, Schulpartnerschaften, Gastprofessuren und Parlamentarierreisen. Die Sache mit Amerika war nicht einfach "Außenpolitik", sondern Teil des Selbstverständnisses der Bonner Republik – Inbegriff ihrer internationalen Resozialisierung nach 1945, Siegel auf das Ende deutscher Sonderwege, ein Lebensgefühl und eine Weltanschauung. Wenn es nicht so unpassend sowjetisch klänge, würde man von einer Ideologie sprechen. Michael Stürmer, Historiker in Erlangen und seinerzeit Berater von Bundeskanzler Kohl, hat für dessen erste Regierungserklärung die Formel geprägt, Westbindung und atlantische Allianz gehörten zur "Staatsräson" der Bundesrepublik.

Stürmer, jetzt Leitartikler der Welt, würde das noch immer so sagen. Er ist damit auch nicht ganz allein. Der CDU-Außenpolitiker Friedbert Pflüger etwa, der Prinzessinnenerzieher auf Angela Merkels Amerikareise vor Beginn des Irak-Kriegs, findet das Wort von der Staatsräson gleichfalls nach wie vor richtig. Doch wirkt es inzwischen eigenartig nostalgisch, seltsam anmutend wie die Tatsache, dass Stürmers Arbeitgeber, der Springer Verlag, nach dem 11. September 2001 die Solidarität mit den Vereinigten Staaten unter seine publizistischen Leitlinien aufnahm, verbindlich für jeden Journalisten des Hauses. Auf Amerika schwören? Geht das noch, braucht man das? Für Stürmer und die Seinen ist die neue transatlantische Unbotmäßigkeit in Deutschland ein Ausdruck von Geschichts- und Machtvergessenheit, die Luxusrebellion von Leuten, die Sicherheit für selbstverständlich halten und vergessen haben, wer das bisschen Ordnung in einer chaotischen Welt letztlich zu erzwingen vermag. Andere im Club, der Politologe Werner Weidenfeld etwa oder Christoph Bertram, Chef der Stiftung Wissenschaft und Politik, sehen im Bruch mit der Bündnisfrömmigkeit mehr als nur Willkür und Torheit. Niemand ist glücklich mit Schröders populistischer Hemdsärmeligkeit. Aber das Gespür für eine Zeitenwende mag er bewiesen haben.

Nicht dass es früher immer leicht und ein Vergnügen gewesen wäre, Atlantiker zu sein. Die Entspannungspolitik hatte in den Vereinigten Staaten keinen ungemischt guten Ruf, Ronald Reagan war hierzulande nicht recht zu vermitteln, der Nachrüstungsstreit machte böses Blut wie der Vietnamkrieg. Aber der Gegensatz zum Warschauer Pakt blieb eine Realität, und so gab es "den Westen", das Thema und Allerheiligste der Atlantiker. Das ist seit Anfang der neunziger Jahre die Welt von gestern. Wer in den Tagen nach dem 11. September 2001 mit eingefleischten Amerika-Freunden wie Pflüger redete, konnte die Hoffnung auf eine Wiederkehr der alten Waffenbrüderschaft geradezu mit Händen greifen, diesmal im Zeichen des Antiterrorkampfes. Inzwischen ist klar, dass die neue Lage die Partner von einst nur weiter auseinander getrieben hat.

Doch es gibt noch einen anderen, weniger fassbaren Grund für das Unbehagen in der Atlantiker-Kultur. Christoph Bertram bemerkt, das Gespräch zwischen Europäern und Amerikanern sei eigentlich immer ein Dialog unter Liberalen gewesen. Politisch ist das nicht wörtlich zu nehmen, Konservative waren natürlich stets mit von der Partie (entschiedene Linke weniger). Aber Sache eines moderaten, aufgeklärten, weltläufigen Establishments ist das Transatlantische in der Tat traditionell gewesen. Die Regierung Bush, mit ihren texanisch-rustikalen Wurzeln und dem flotten Radikalismus ihrer intellektuellen Beraterschar, muss da befremdlich wirken, um das Mindeste zu sagen. Man hört erstaunliche Geschichten über Flegeleien und Eklats im sonst zivilisierten Konferenzbetrieb, und selbst ein wohlwollender Betrachter wie Stürmer gibt zu verstehen, dass ihm das politische Adrenalin im heutigen Washington sehr reichlich zu fließen scheint.

Womöglich ist das für Altatlantiker ein noch schlimmerer Schock als für die jetzt in Deutschland regierenden 68er. Joscha Schmierer, ein Freund Joschka Fischers aus linksradikalen Tagen und mittlerweile im Planungsstab des Auswärtigen Amtes, erklärt es so: Der klassische Nachkriegs- und Nato-Atlantizismus hat die Vereinigten Staaten immer bloß als Stabilitätsgaranten betrachtet, er hat "nur das ordnende Moment im Blick gehabt und das revolutionäre übersehen". George W. Bushs Amerika aber ist keine Status-quo-Macht mehr, sondern eine Kraft der Veränderung, ein weltpolitischer Unruhestifter. Darauf war das Bob-Dylan-Publikum besser vorbereitet als die herkömmliche Bündniselite in Schlips und Kragen.

Das mag ein bisschen hergeholt wirken in Anbetracht des akuten Konflikts zwischen den Neokonservativen drüben und den Post-68ern hüben. Aber eine Art Bruderschaft in der Respektlosigkeit gibt es. Man spürt das, wenn Karsten Voigt, der Regierungskoordinator für die deutsch-amerikanischen Beziehungen, über die Profi-Diplomaten beider Seiten spricht, die es gewohnt waren, das transatlantische Kind einträchtig zu schaukeln. Richtige Linke (wie Voigt auch einmal einer war) oder etwas wildere Konservative kamen im Bild nicht vor oder nur als Irritation am Rand: "Man war sich einig – hier, dass die Jusos spinnen, dort, dass die christliche Rechte spinnt." Nun sind die "Spinner" an der Macht – die linken in Deutschland freilich geläutert und gezähmt, die rechten in Amerika mit ungebremstem Eifer und Sendungsbewusstsein. Für Leute wie Voigt oder Schmierer heißt das, dass ihnen zwar nicht unbedingt gefällt, was sie aus Washington hören. Aber sie verstehen die Sprache. Revolution, Befreiung, die Rolle der Gewalt dabei – das sind urlinke Themen und Probleme, und jetzt stehen sie mit der Frage nach "Regimewechseln" und globaler Demokratie-Verbreitung wieder auf der Tagesordnung.

Wer selbst einmal einem aggressiven Emanzipationsglauben anhing, mag die Gefahren solcher Ideenmilitanz besonders lebhaft empfinden. Daniel Cohn-Bendit hat die Bush-Leute in einem Gespräch mit dem Super-Falken Richard Perle als "Bolschewisten" bezeichnet; er wusste, wovon er redete. Aber die Unterhaltung scheint ihm Spaß gemacht zu haben. Der Sinn für den Reiz der Weltveränderung dauert auf der Linken fort, und so gibt es, schwer hörbar in den Misstönen des Streits, leise Andeutungen eines rot-grünen Neu-Atlantizismus. Aus Ärger über die Alleingänge der Vereinigten Staaten "darf man jetzt nicht in Fallen hineintappen", bemerkt Schmierer, und es ist nur allzu klar, was er dabei vor Augen hat: irgendwelche kontinentalen Achsenbildungen von Paris über Berlin und Moskau nach Peking. Die angelsächsische Welt bleibt es, in der die Luft der Freiheit weht, nicht ein im Ressentiment geeintes Eurasien. Dasselbe Motiv klingt bei Karsten Voigt an: "Europa gegen Amerika zu definieren, das würde ein Weniger an Modernität und Fortschrittlichkeit bedeuten." Tony Blair, der humanitäre Internationalist, der Progressive an Bushs Seite, der Schutzheilige der Trotzdem-Atlantiker, könnte das ganz ähnlich sagen.