Carl Sigel geht es nicht gut, Schüttelfrost macht ihm zu schaffen. "Ich habe kein SARS", beschwichtigt der gelernte Pilot, bloß Grippe. An Bord einer Lufthansa-Maschine würde er in diesem Zustand jedenfalls nicht gelangen. Ein- bis zweimal im Monat steuert Sigel normalerweise ein Flugzeug von Frankfurt aus in die Welt. In diesen Tagen kann er das vergessen. Nicht nur weil Sigel erkältet ist. Er wird in der Frankfurter Konzernzentrale gebraucht. Carl Sigel, 55 Jahre, Bereichsvorstand "Operations" der Lufthansa, leitet den Krisenstab der Airline. Und die Krise hat das Unternehmen voll erfasst: Mehr als 300 Millionen Euro Verlust hat die Lufthansa in den ersten drei Monaten des Jahres eingeflogen, vergangene Woche kündigte der Konzern an, weitere 15 Flugzeuge stillzulegen. Insgesamt werden dann 70 Maschinen am Boden parken. Erst der 11. September, dann der Irak-Krieg und jetzt SARS – es ist die schlimmste Krise seit Jahrzehnten.

Klein ist der Raum, in dem Carl Sigel das Team zusammenruft: ein Konferenzzimmer mit einem Beamer fürs Fernsehen und vielen Telefonen. An der Wand hängen drei Uhren. "Je größer der Raum, desto mehr Leute drängen herein", sagt Sigel. So aber bleibe selbst Vorstandschef Jürgen Weber nur wenige Minuten – wenn er überhaupt hereinschaut. Meist hat der Krisenstab weniger als zehn Mitglieder, und die füllen den Raum schon aus. Je nach Krise holen sich die Gefahrenwächter andere Experten hinzu – im Fall von SARS beispielsweise den Vertreter des medizinischen Dienstes.

Vorbereitet ist der Krisenstab auf Entführungen und Unfälle, auf Bombendrohungen oder auf Krieg in einem Land, das auf dem Flugplan der Lufthansa steht. Dann wird eine der Uhren an der Wand des Konferenzraums auf die jeweilige Ortszeit umgestellt; dann läuft die Krisenroutine ab. Aber SARS? Wie bereitet man sich auf einen Virus vor? Drei Uhren reichen nicht aus, um die Ortszeiten der Krisenregionen zu markieren. "Bei SARS ist wenig zu machen", sagt Sigl. Die Flugzeugcrews haben Masken und Handschuhe bekommen, die sie benutzen sollen, wenn sie sich gefährdet fühlen. Und man steht in Kontakt mit den Behörden in den betroffenen Ländern, denn die Zahl der SARS-Opfer steigt unaufhörlich.

Mitte der Woche verzeichnete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 6600 Infektionen und 460 Tote weltweit. Mediziner warnen vor der Heimtücke der Krankheit, die selbst Profis immer wieder überrascht. Immerhin betrifft rund ein Fünftel aller bisherigen SARS-Fälle das Klinikpersonal. Erfahrungen in Krankenhäusern von Hongkong zeigen, dass SARS-Patienten anfangs nicht einmal die typischen Symptome wie Fieber und Husten aufweisen müssen. So waren einige ältere Kranke zunächst fieberfrei, andere wiederum wurden wegen akuter Leibschmerzen und Durchfall eingeliefert. Solch unerkannte Virenträger können gefährliche Infektionsketten auslösen.

In der siebten Woche nach Bekanntwerden der Seuche wächst die Angst vor besonders ansteckenden Patienten, den so genannten Superspreadern. So infizierte ein einzelner Lungenkranker am Prince of Wales Hospital in Hongkong 156 Menschen, Klinikangehörige, Besucher und andere Patienten. Darunter ein immungeschwächter Nierenkranker, der im Krankenhaus eine Blutwäsche erhielt. Er bekam Durchfall und wurde selbst zum Superspreader, infizierte über defekte Abwasserleitungen im Apartmentblock Amoy Gardens mehr als 300 Menschen.

Doch trotz solcher Dramen zeigen die bisherigen Erfahrungen: Die neue Lungenepidemie ist medizinisch prinzipiell beherrschbar. In mehr als 20 Ländern wurde SARS eingeschleppt und erfolgreich gestoppt. Im Ursprungsgebiet der Seuche, in der südchinesischen Provinz Guandong, in Hongkong und Singapur sind die Zahlen der Neuerkrankungen deutlich gesunken. Die größte Gefahr ist jetzt, dass dringend notwendige Hygienemaßnahmen aufgrund von Unvernunft, Unwissen und auch Armut missachtet werden: wenn etwa Menschen in Indien Kliniken bedrohen, andernorts vor Quarantänemaßnahmen flüchten oder ahnungslose Wanderarbeiter die Viren verbreiten. Soziale Faktoren und Massenpsychologie könnten die Medizin überrollen, es wäre nicht das erste Mal.

Und so breitet sich das geheimnisvolle A-Virus auch in der Weltwirtschaft aus: A wie Angst. Nach den Terroranschlägen von New York und Washington grassierte sie, während des Irak-Krieges – und übergangslos nun in der SARS-Krise. Obwohl die ökonomischen Folgen kaum abzuschätzen sind, warnen die Pessimisten bereits vor den Gefahren für die weltweite Konjunktur. Stephen Roach, Chefvolkswirt der Investmentbank Morgan Stanley und Pessimist, sprach schon vom "Nagel am Sarg der Weltwirtschaft". Andere sehen das gelassener. "Alles hängt von den nächsten Wochen ab", sagt Rainer Schäfer von der volkswirtschaftlichen Abteilung der Dresdner Bank.

Weltweit spielen die Ökonomen derzeit drei Szenarien durch. In Variante eins wird alles gut: Dann breitet sich das Virus nicht weiter aus, laufen die Maschinen in den Fabriken weiter, beschränkt sich das Chaos nur auf Hotels, Restaurants und Kaufhäuser. Chinas Wirtschaftswachstum würde um einen Prozentpunkt niedriger ausfallen, schätzt Volkswirt Schäfer – und wäre mit dann sieben Prozent immer noch exorbitant hoch.