Es sollte ein Fanal sein, und es wurde ein Fanal des neuen Deutschlands, als in jenem Mai vor genau 70 Jahren in vielen deutschen Städten, vor allem in den Universitätsstädten, die Scheiterhaufen brannten. Es waren Bücher, die da vernichtet wurden: Schriften von Heinrich Mann, Arthur Schnitzler, Erich Maria Remarque, Lion Feuchtwanger, Carl von Ossietzky, Alfred Kerr, Kurt Tucholsky, Erich Kästner und vielen anderen Autoren, die heute zu den Klassikern zählen, den Bücherbrennern damals aber als "unsittlich", als "dekadent" und "geschichtsverfälschend", als "jüdisch" und "volksfremd" galten.

Die "Aktion" lief fast überall von Königsberg bis München nach demselben Schema ab: In Bibliotheken und Buchläden wurden missliebige Schriften beschlagnahmt, aufgesammelt und zu abendlicher Stunde im Herzen der Stadt oder in der Nähe der Universität verbrannt, in München auf dem Königsplatz, am Kaiser-Friedrich-Ufer in Hamburg, in Frankfurt auf dem Römerberg. ("In Frankfurt haben sie unsere Bücher auf einem Ochsenkarren zum Richtplatz geschleift", schreibt, schon aus dem Exil, der bitter amüsierte Kurt Tucholsky.)

Doch so uniform die Aufführungen im Fackelschein waren, mit den Reden, den "Feuersprüchen" ("Gegen seelenzersetzende Überschätzung des Trieblebens! Für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe dem Feuer die Schriften des Sigmund Freud!" etc.) – die "Aktion" war keineswegs, wie späterhin gern kolportiert, von Propagandaminister Joseph Goebbels angeordnet worden. Sie kam aus der Universität selbst, aus dem Kreis der nationalsozialistischen Studenten und Professoren. Sie waren es denn auch, die neben SA- und SS-Männern bei dem Spektakel Spalier standen und als "geistige SA" mit besonderem Feuereifer bei der nationalen Sache waren.

In Bonn, wo die Bücherverbrennung am Abend des 10. Mai unter strömendem Regen auf dem Marktplatz stattfand, hielt der damals sehr bekannte, international bis dato durchaus geschätzte und bei vielen Studenten hoch beliebte Germanistik-Ordinarius Hans Naumann die erste Ansprache. Naumann (geboren 1886 in Görlitz) war nach Stationen in Jena und Frankfurt am Main 1931 auf den Bonner Lehrstuhl berufen worden:

ein zum Nationalsozialismus bekehrter Monarchist, der bereits in den letzten Jahren der Weimarer Republik für Adolf Hitler getrommelt hatte. Der Volkskundler und Erforscher mittelalterlicher Literatur beschäftigte sich gern mit zeitgenössischer Dichtung. Er gab er sich als Verehrer Rilkes und Thomas Manns zu erkennen – Sympathien, die ihn einige Male in Konflikt mit der Linie seiner Partei bringen sollten, freilich ohne seinen Glauben an Führer und Vaterland erschüttern zu können. Erst die Alliierten machten seiner Lehrtätigkeit 1945 ein Ende; 1951 ist er in Bonn gestorben.

Naumann entspricht kaum dem Bild des fanatischen Büttels, wie es im Zusammenhang mit den Bücherverbrennungen später so oft gezeichnet wurde. Statt dessen bemühte er sich, wie schon seine Abneigung gegen „die hohle, verbrauchte, verblasene patriotische Phrase“ und seine Forderung nach „dem neuen künstlerischen Geist der völkischen Aktivität“ verrät, stets um Stil und Form. Und so ist auch seine Rede am Scheiterhaufen selbstverständlich keine Pöbelei aus dem Hausmeistersouterrain, sondern Mitteilung aus der Beletage, aus der braunen Mitte des gebildeten deutschen Bürgertums: feinsinnig, kultiviert, herrschaftlich, in gewählter Diktion das Decorum des „Geistigen“ wahrend und zugleich vor leiser Mordlust bebend.