Wer ist es? Wer macht ein amerikanisches Provinznest kurzzeitig zum Mittelpunkt des Universums? Und einen Jungen aus der siebten Klasse der Springfield Middle School (nicht Bart Simpson!) zum Bauchnabel einer Geschichte? Wer kürt einen zum Helden, der nichts anderes im Hirn hat als American Football? Und wer lässt ihn frei von der Leber weg erzählen, bis man laut ruft: "Oh, Crash Coogan, halt die Klappe! Du bist so was von ätzend!" – Jerry Spinelli, der Matt Groening der amerikanischen Jugendliteratur, wer sonst?

In Crash – Das Leben ist Football, seinem vierten in Deutschland erschienenen Roman – nach Taubenjagd , Maniac Magee und Stargirl –, dürfen natürlich noch ein paar andere Figuren auftreten, jede eine Welt für sich. Da sind ein über alles geliebter Großvater, eine ökobewegte kleine Schwester, vom Leben erschlaffte Eltern und ein Schulfreund, der ein ebensolcher "großer, blöder, widerwärtiger Eierbecher" ist wie er selbst (besser als Andreas Steinhöfel kann man "big, dumb, obnoxious jockstrap" und andere Spinelli-Feinheiten nicht übersetzen). Als Kontrapunkt gibt es einen Charakter, an dem sich der schultergepolsterte Superstar sieben Jahre lang abarbeitet: den gleichaltrigen Penn Webb, Sohn von Quäkern, also im Sinne des Helden nichts anderes als ein verabscheuungswürdiges Weichei. Mit scheinbar ungeheurer Leichtigkeit entwirft Spinelli das Psychogramm einer amerikanischen Sippe, sodass man nach der Lektüre ohne Mühe verstehen kann, warum beispielweise ein George W. und ein Donald R. so geworden sind, wie sie sind.

Als vom eitlen Literaturzirkus unbeeindrucktes Familientier – Jerry Spinelli hat sechs Kinder – trägt er mit seinen Romanen auch dazu bei, die Perspektiven auf den amerikanischen Alltag zu öffnen. Hier sonnen sie sich im Glanz der Selbstgewissheit, die Karikaturen des American way of life. Aber da sind auch die anderen, wie etwa der Großvater, ein ehemaliger Schiffskoch, ein Geschichtenerzähler, der sich eines Tages in Crash Coogans Familie einquartiert und zum Fels in der Brandung wird.

Spinelli lässt seinen Helden – mit der Lebensphilosophie eines Siebtklässlers ausgerüstet – tagebuchartig erzählen, was ihn umtreibt: Seit den Tagen, als John Coogan einen Football-Helm geschenkt bekam und seine Kusine aus dem Türrahmen bolzte, macht er seinem Spitznamen "Crash" alle Ehre. Noch nie war er Zweiter, er kann nicht verlieren, und wo er durch die Reihen der gegnerischen Mannschaft prescht, da wächst kein Gras mehr. " Refooze To Looze" steht auf einem seiner T-Shirts. Und da taucht diese mickrige Müslifresserfigur auf und verfolgt ihn durch die ruhmvollsten Jahre seines Lebens…!

Eine typische amerikanische Geschichte also, die Jerry Spinelli mit unbändiger Freude an kurzen, treffenden Dialogen und Seitenhieben auf die Hardliner unter uns inszeniert. Man muss nichts von American Football, Quarterbacks und Tackles verstehen, um zu wissen, was Spinelli wieder einmal auf der Seele brennt: der Einbruch des Nonkonformen in das allmächtige Regime der Anpassung. Und dieses Thema ist nun wirklich kein amerikanisches Privileg.

Jerry Spinelli: Crash – Das Leben ist Football
Aus dem Englischen von Andreas Steinhöfel; Cecilie Dressler Verlag, Hamburg 2003; 192 S., 12,– Euro (ab 10 Jahren)