Nur wenige St. Petersburger leben noch, die sich der Zeit erinnern, als ihre Vaterstadt das Machtzentrum des Zarenreiches war. Die meisten Gelehrten dieser Generation, die vor kurzem noch zur Erforschung des alten St. Petersburg maßgeblich beigetragen haben, sind bei den Feiern zum 300. Jahrestag nicht mehr dabei. Aus besonderem Grund seien zwei von ihnen hier genannt: zum einen der Nestor der russischen Literaturwissenschaft, Dmitrij Sergejewitsch Lichatschow (1906 bis 1999), auf der Admiralitätsinsel aufgewachsen, Überlebender des Stalinschen Lagersystems und der deutschen Blockade Leningrads, unermüdlich in der Fürsorge um das geistige Leben seiner Stadt, unanfechtbar auch als moralische Autorität; zum anderen Erik Amburger (1907 bis 2001), ein Deutscher, auf Wassili Ostrow geboren, aus dem roten Petrograd über Reval nach Deutschland entkommen, ein Genealoge enzyklopädischen Formats, hervorgetreten mit Standardwerken zur Wirtschafts-, Familien-, Konfessions- und Bildungsgeschichte Petersburgs.

Abschied von Leningrad

Lichatschow und Amburger werden hier genannt, weil ihr Beispiel auf eine deutsch-russische Sonderbeziehung verweist, die von St. Petersburg gestiftet wurde und die so fest gegründet war, dass sie selbst in den schlimmsten Kriegs- und Katastrophenzeiten nicht verloren ging. Niemand, die Russen selbst ausgenommen, war mit dieser Stadt von Anfang an enger verbunden als die St. Petersburger Deutschen. Gegen Ende des ersten Jahrhunderts der Stadt wurde deren blühende Entwicklung ausschließlich von gelehrten Untertanen deutscher Zunge beschrieben. Wer mag und eine unversehrt gebliebene Universitätsbibliothek in seiner Nähe hat, kann sich einlesen in die großen historisch-topografischen Beschreibungen St. Petersburgs, die Johann Gottlieb Georgi (1790), Heinrich Storch (1794) und Heinrich von Reimers (1805) unter allerhöchster Protektion verfassten. Doch um das "Palmyra des Nordens" zu preisen, waren die Russen des aufgeklärten Säkulums auf die pedantischen Deutschen nicht angewiesen. Für das Publikum erhebender war die russische Odendichtung – das hat der Konstanzer Slawist Riccardo Nicolosi kürzlich überzeugend dargetan –, eine literarische Gattung, die den Regeln antiker Panegyrik folgte und Städtelob und Herrscherlob miteinander verflocht.

200 Jahre später, als die Gorbatschowsche Perestrojka auch in Leningrad, der zweitgrößten Stadt des Sowjetreiches, neue Energien weckte, sollte es wieder zu einer sympathetischen Zuwendung zwischen Russen und Deutschen kommen. In St. Petersburg war die Neigung, Zukunft in der Vergangenheit zu suchen, besonders groß. Der Abschied von Leningrad und die Rückkehr zur alten, sakralisierten Namensform lagen nicht mehr weit voraus. Nach dem Ende der Zensur konnte man lang entbehrte Raritäten der älteren Stadtliteratur als Reprints oder Neuauflagen an jeder Straßenecke kaufen. Bewahrt werden sollte nicht allein das musealisierte Erbe St. Petersburgs, sondern auch jenes Mythengewebe, von dem die Stadt seit Menschengedenken überzogen ist. Historiker wünschten nichts dringlicher, als in bisher gesperrten Archiven Antworten auf Fragen zu finden, die sie vordem nicht einmal zu stellen wagten. Andere mühten sich, Geist und Seele, Metaphysik und Mystik der wundersamen Stadt zu retten und den "Petersburger Text" der kultursemiotischen Schule auch. Die große Leningrader Enzyklopädie, das in sowjetischer Zeit maßgebende Nachschlagewerk, wurde von Grund auf revidiert.

Auf vulkanischem Gelände

Auch in Deutschland lebte damals das Interesse auf, die "Kulturhauptstadt Russlands" neu zu entdecken. Man denke an die fulminante Essener Ausstellung von 1990 mit Meisterwerken aus der Leningrader Eremitage (deren hinreißender Katalog St. Petersburg um 1800 ohne Parallele blieb) oder an die eindrucksstarken Fotobände aus der Haupt- und Residenzstadt, die 1991, von russischen Experten kommentiert, bei C.H. Beck in München und DuMont in Köln erschienen. Nicht vergessen werden sollte auch, dass Jahr für Jahr in Deutschland Dissertationen entstehen, die die unterschiedlichsten Felder der St. Petersburger Stadtgeschichte zum Thema haben. Eine erste Orientierung erlaubt der Sammelband St. Petersburg, Leningrad, St. Petersburg. Eine Stadt im Spiegel der Zeit. Gewidmet wurde er Alexander Steininger, dem Chefredakteur der Zeitschrift Osteuropa, der als Sohn deutscher Eltern mit sowjetischem Pass in Leningrad aufwuchs und das Grauen der deutschen Blockade überlebte.

An dem ersten und zugleich besten Buch über St. Petersburg wurde schon geschrieben, als Genosse Romanow noch in Leningrad regierte und das Paradeservice Katharinas II. bei Festgelagen auf die Tafel setzen ließ: Karl Schlögels großer Essay über die Stadt als Laboratorium der Moderne erschien 1988 bei Siedler – ein meisterhaftes Buch, von dem es zum Stadtjubiläum eine nun von Hanser betreute Neuausgabe gibt. Der Wiederkehr des Buches geht eine Hommage des Autors an die jubilierende Stadt voraus; in einer "bibliographischen Notiz" ist festgehalten, wie intensiv die internationale Forschung an der Wiederentdeckung der Newa-Metropole beteiligt war. Der Text, dessen intellektuelle und sprachliche Brillanz manchen Fachvertreter vor 15 Jahren irritierte, blieb unverändert und wirkt so frisch und eigenwillig wie ehedem.

Schlögels Petersburg gehört zu den Edelsteinen der deutschen Russlandliteratur. Mit beispielloser Eindringlichkeit hat der damals 40-Jährige den Wandlungsprozess beschrieben, in den Russland Anfang des letzten Jahrhunderts hineingerissen worden war. St. Petersburg, das politische, ökonomische und intellektuelle Kraftzentrum dieser Erneuerung, schien dem Imperium eine Zukunft "jenseits des Großen Oktober" zu verheißen. Die Kaiser- und Kasernenstadt wurde zur modernen Industrie- und Kulturmetropole, zur größten, die es im Norden Europas jemals geben sollte. Hier, auf vulkanischem Gelände, war eine junge, urbane Bürgergesellschaft dabei, ihre Energien zu erproben. Ihr wurde die Lebensluft entzogen, als nach dem Oktoberumsturz Lenins rote Kommissare kamen und das Zentrum Räterusslands (und des "Weltsozialismus") in den Moskauer Kreml verlegten. Damit wurde die Entfaltung ziviler Kultur, die für den russischen Weg zur Moderne bis dahin charakteristisch gewesen war, gewaltsam abgebrochen.